Die Grü ndung der Quaderni rossi war nur ein teilweiser Bruch mit den Institutionen der "Arbeiterbewegung" gewesen. Das Referat ü ber die "neuen Krä fte bei fiat" hatte Alquati beispielsweise auf einem Kongreß des psi gehalten. Die Auseinandersetzung um die "Klassengewerkschaft" und unterschiedliche Auffassungen ü ber die Aufgaben der Partei prä gten die innere Diskussion von Anfang an und fü hrten bald zu Fraktionierungen.
Zu Anfang gab es in Turin noch eine offizielle Zusammenarbeit mit den Ortsverbä nden der Metallarbeitergewerkschaften, die politisch vor dem Nichts standen und auf neue Ideen hofften. In der ersten Nummer der Quaderni rossi hatten einige Gewerkschafter ihre Artikel mit vollem Namen unterzeichnet, wie z.B. Vittorio Foa, der schon kurze Zeit darauf nichts mehr von den "Extremisten" wissen wollte. Die Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft geriet in eine Krise, als ein Teil der Redaktionsgruppe den "wilden" Streik von Instandhaltungsarbeitern bei Fiat im Sommer '61 unterstü tzte. Der Bruch wurde von Gewerkschaftsseite "endgü ltig" nach den Ereignissen auf der Piazza Statuto in Turin im Juni 1962.
Im Mai 1962 hatte Panzieri die Aufgaben der Gruppe in einem Brief an das Redaktionsmitglied Asor Rosa folgendermaß en formuliert: "Ich glaube deshalb, daß wir den Tarifstreik der Metallarbeiter ins Zentrum unserer Arbeit stellen mü ssen [...] Ich bin mehr denn je von den Mö glichkeiten ü berzeugt, die sich fü r eine revolutionä re Linie erö ffnen. Aber wir mü ssen uns jeden Restes von 'Minderheits'komplex entledigen und die Fermente, die Suche nach einer neuen Strategie, in die Krise der Organisationen hineintragen. Um so mehr als wir keine Sekte sein wollen, die im Besitz der Wahrheit ist, sondern Militante, die einen Beitrag zur notwendigen neuen Organisierung der Arbeiterklasse leisten, ein Problem, das sich z.Zt. Tausende von Militanten stellen, auch innerhalb der Organisationen. Mit diesem Kriterium mü ssen wir, so denke ich, unsere Interventionsinstrumente revidieren, modifizieren und vollstä ndig verä ndern, wenn es notwendig ist. [...] Wir sehen, wie eine neue Arbeiterbewegung ans Licht drä ngt, aber die Erarbeitung einer Strategie fü r sie ist kein spontaner Prozeß . Daß wir sie sehen, bestimmt unsere Aufgaben heute, die wirklich neu sind. Die Zü ge der materiellen Figur des kollektiven Arbeiters sind nicht einfach verborgen im Schoß des Kapitals, er kann nur auf seine Art und kollektiv seiner selbst bewuß t werden. Sie sind antizipiert in den Kä mpfen, und in ihnen wä chst die einheitliche und revolutionä re Potentialitä t [...]. Es gilt, eine Reihe von Vermittlungen zu finden. Denn indem das Kapital den Arbeiterkampf verfä lscht und als unmittelbare Replik auf die kapitalistische Entwicklung darstellt, suggeriert es eine falsche Strategie. Nicht aus der kapitalistischen Planung entstehen die neuen Mö glichkeiten der Revolution, sondern aus der Antizipation-Umkehrung der entscheidenden Elemente der kapitalistischen Planung durch die ArbeiterInnen."
Vom Ausmaß der proletarischen Wut, wie sie sich im Juni '62 in der dreitä gigen Straß enschlacht zeigte, war die Gruppe aber doch ü berrascht. Vor Beginn des Generalstreiks der Metallarbeiter hatten die Quaderni rossi vergeblich eine gemeinsame Veranstaltung mit dem psi vorgeschlagen. Dann richteten sie einen eigenen Aufruf an die Arbeiter von fiat, der mit dem Satz beginnt: "Arbeiter von Fiat, hinter eurem Rü cken und ohne Euch zu fragen, haben die gewerkschaftlichen Organisationen im Dienst der Unternehmerschaft einen Separat-Tarifvertrag abgeschlossen, um den Arbeiterkampf und die Arbeitermacht bei fiat zu liquidieren..." (siehe den vollstä ndigen Text) Daß in dem Text anscheinend unterschiedslos die Gewerkschaften angegriffen werden, also zwischen der gelben Fiat- Gewerkschaft und den "linken" Gewerkschaften kein Unterschied gemacht wird, brachte die Gewerkschafter der Gruppe in groß e Bedrä ngnis. Als Panzieri persö nlich von der pci-Presse als extremistischer Provokateur angegriffen wurde, machte er einen Rü ckzieher und verurteilte die Straß enschlacht als "schä dlich fü r die Aktion der Arbeiterklasse". Dies entsprach nicht der Gruppenmeinung.
Ein Teil der Gruppe um Negri interpretierte die Ereignisse auf der Piazza Statuto als Bruch der Arbeiterklasse mit den Institutionen der Arbeiterbewegung (Gewerkschaft und Parteien), als Ausdruck der Autonomie der Arbeiterklasse, die nun ohne Reprä sentanten dastü nde. Der Leitartikel der Nr. 1 ihrer Fabrikzeitschrift Gatto selvaggio [Wildkatze] hieß : "In der Sabotage geht der Kampf weiter und organisiert sich die Einheit". Panzieri ging mit dieser Position hart ins Gericht. Er kritisierte an der Zeitschrift Wildkatze die positive Einschä tzung von Piazza Statuto und die "rohe Ideologie der Sabotage"; und sprach von "Philosophie der Arbeiterklasse" in den Schriften von Tronti. Panzieris Position schwankte in den Jahren vor seinem Tod 1964 hin und her. Trotz aller Polemiken wollte er es nicht zu einer frontalen Auseinandersetzung mit den historischen Organisationen der Arbeiterklasse kommen lassen. Stattdessen sah er die neue Aufgabe der Quaderni rossi in einer auf lä ngere Sicht angelegten revolutionä ren Kaderbildung und wandte sich entschieden gegen alle voreiligen Parteigrü ndungsprojekte.
Innerhalb der Quaderni rossi hatte es drei Strö mungen gegeben, die im Enthusiasmus der ersten beiden Hefte zusammenarbeiten konnten. Schon die dritte Ausgabe erschien mit zwei verschiedenen Editorials. Als durch die Entwicklung der Kä mpfe eine Entscheidung ü ber das Wie des politischen Eingreifens gefä llt werden muß te, trennten sie sich. Dabei tat sich die Gruppe der "Politiker" (spä tere Theoretiker der Autonomie des Politischen, Eroberung der Staatsmacht durch den pci) mit den "Wilden" (Vertreter der Fabrikzeitschrift Gatto selvaggio) und dem Flü gel um Negri zusammen, um das Projekt Classe operaia [Arbeiterklasse] zu machen, eine Zeitschrift, die sich nicht mehr nur an Intellektuelle, Partei- und Gewerkschaftskader, sondern an die Arbeitermilitanten selbst richtete. Der Leitartikel der Nr. 1 "Lenin in England" von Mario Tronti setzte das Thema der politischen Organisation der Arbeiterklasse auf die Tagesordnung. Im Unterschied zur Orthodoxie ist dies bei Tronti die Ebene der Taktik: "Das Kapital ist in diesem Moment besser organisiert als die Arbeiterklasse: Die Entscheidungen, die diese dem Kapital aufzwingt, riskieren, das Kapital zu stä rken. [...] Die Arbei- terklasse hat den Hä nden ihrer traditionellen Organisationen alle taktischen Probleme ü berlassen, um sich eine autonome strategische Vision vorzubehalten, frei von Hindernissen und ohne Kompromisse. [...] Die Geschichte der vergangenen Erfahrungen dient uns, um uns davon zu befreien. Wir mü ssen alles einem neuen Typus von wissenschaftlicher Voraussage anvertrauen. Wir wissen, daß sich der gesamte Entwicklungsprozeß im neuen Niveau der Arbeiterkä mpfe verkö rpert. Der Ausgangspunkt liegt also in der Entdeckung von bestimmten Kampfformen der Arbeiter, die einen bestimmten Typ der kapitalistischen Entwicklung beweisen, der in Richtung Revolution geht. [...] Aber diese auf der Basis der Fabrik entfaltete praktische Arbeit erfordert [...] eine dauernde Beurteilung und Vermittlung durch eine politische Ebene, die sie verallgemeinert. [...] In der aktuellen Phase des Klassenkampfes [ist es] erforderlich, von der Entdeckung einer politische Organisation auszugehen, nicht von einer vorgeschobenen Avantgarde, sondern von der kompakten sozialen Masse, zu der die Arbeiterklasse in der Periode ihrer geschichtlichen Reife geworden ist. Gerade wegen dieser Charakteristiken ist sie die einzige revolutionä re Kraft, die drohend und schrecklich die herrschende Ordnung kontrolliert. [...] Mit dem permanenten Kampf in der Fabrik, in immer neuen Formen, die nur die intellektuelle Phantasie der produktiven Arbeit entdecken kann, ersetzen die Arbeiter die bü rokratische Leere einer allgemein politischen Organisation. Der revolutionä re Prozeß kann nicht beginnen, ohne daß eine politisch unmittelbar proletarische Organisation allgemein wird. Die Arbeiter wissen dies, und deshalb findet ihr sie heute nicht bereit, in den Kirchen der Partei die demokratische Litanei der Revolution zu singen. Die Realitä t der Arbeiterklasse ist endgü ltig an den Namen Marx gebunden. Die Notwendigkeit ihrer politischen Organisation ist genauso endgü ltig an den Namen Lenin gebunden." Nach einem Jahr war zumindest fü r die rö mische Fraktion klar, daß diese Partei nur die "Klassenpartei" pci sein konnte, erneuert durch die "Vergewerkschaftlichung" und die "Fabrikkommunisten". Damit floß Trontis revolutionä re Umkehrung der Ebenen Strategie und Taktik in ein sehr traditionelles Organisationskonzept ein.
Nachdem diese Fraktion nach der Nr. 3 die Redaktion der Quaderni rossi verlassen hatte, machte Panzieri zusammen mit den "Soziologen" und anderen Turinern weiter - mit groß en Illusionen, das alte Untersuchungsprojekt fortsetzen zu kö nnen, und immer in Furcht, als Sekte marginalisiert zu werden. Die politische Auseinandersetzung lief dabei vor allem mit der Gewerkschaft und dem psiup, dem Flü gel des psi, der sich 1964 aufgrund der Regierungsbeteiligung von der Partei abspaltete und dem einige Redaktionsmitglieder beitraten.
Beide Gruppen, die aus den Quaderni rossi hervorgegangen waren, lö sten sich innerhalb von zwei Jahren auf - bevor 1968/69 die Studenten- und die Arbeiterbewegung mit neuen Kä mpfen die Situation in Italien komplett verä nderten. Aber als Strö mung haben sie die politische Diskussion nachhaltig erneuert. Viele ihrer Ansä tze und Gedanken wurden spä ter aufgegriffen oder kamen in den Jahren danach erst zur Geltung. Vieles ist auch verloren gegangen und kö nnte heute wieder von groß em Nutzen sein.