Der Antagonismus in der Produktion

Im Vorwort zur italienischen Ausgabe des Tagebuchs des Renaultarbeiters Daniel Mothe arbeitet Panzieri den Antagonismus im Produktionsverhä ltnis heraus. "... das Buch [...] geht weit ü ber die ü blichen Zeugnisse ü ber die Bedingungen der Arbeiter hinaus, Zeugnisse, die meist nur Mitleid mit der Situation der Fabrikarbeiter ausdrü cken (und nicht mehr). Im Tagebuch von Mothe treten durch die aufmerksamen Ü berlegungen ü ber den Alltag in einer Abteilung die Probleme der Arbeiterklasse in einer modernen Groß fabrik nach und nach in ihrer Komplexitä t und besonderen Wirklichkeit hervor. Das Buch behandelt zu Beginn rationelle Arbeitsorganisation. Es besteht ein Widerspruch zwischen dem Versuch einer rationellen Arbeitsorganisation einerseits, die den Arbeiter immer mehr isoliert, und andererseits den Bedingungen selbst, in denen die Arbeit entwickelt werden muß , die dazu fü hren, daß die Vorschriften stä ndig durchbrochen werden, damit die Produktion laufen kann und Sinn hat. Der Arbeiter muß gegen dieses 'Rationalisierungs'unternehmen kä mpfen, das zu seiner Umsetzung jede menschlich qualifizierte Erfahrung ausschließ en muß : noch vor dem legitimen Bedfü rfnis, sich mit dem Kollegen neben ihm zu verbü nden - in dem der Wert einer unerschü tterlichen Solidaritä t erscheint - und der Erfahrung der Arbeit selbst, die den Arbeiter dahin bringt, seine eigenen Probleme als kollektive zu empfinden."

Der Olivetti-Text von Alquati ist ein gutes Beispiel dafü r, wie die italienischen Operaisten diese Vorarbeiten von Mothe und anderen fruchtbar machten. An einem seiner Diskussionssträ nge mit den Arbeitern wollen wir zeigen, wie er die Einsicht von Mothe auf die Untersuchung anwendet, daß "die Vorschriften stä ndig durchbrochen werden [mü ssen], damit die Produktion laufen kann". Die Arbeiter, die erstmal die ganzen offiziellen Mythen ü ber die Organisation der Arbeit bei Olivetti, einem damals sehr "modernen" Betrieb, hergebetet haben, kommen letzten Endes zu folgendem Urteil: "Hier ist alles bis ins kleinste organisiert und festgelegt, und trotzdem gibt es noch zu viele wichtige Dinge, die bei der Arbeit nicht funktionieren. Wenn man sieht, wie minutiö s man sich hier um die Organisation kü mmert, die dann doch nicht so funktionieren kann, dann kö nnte man fast auf den Gedanken kommen, daß bei Olivetti die organisierte Desorganisation studiert wird."

Er zieht dann zunä chst die negative Seite dieser Arbeiterkritik heraus und formuliert als Hypothese, daß der einzelne Arbeiter unfä hig sei, in den alltä glichen kleinen Widersprü chen den grundlegenden kollektiven Widerspruch zu sehen - und zwar gerade deshalb, weil "in diesen Mikrowidersprü chen" die "ganzen grundlegenden Widersprü che des Systems zusammentreffen, sich entfalten und erhalten." Der grundlegende Widerspruch ist, daß im Kapitalismus Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß in einem Prozeß zusammenfallen, in dessen Zentrum die Arbeiter stehen. Der Kapitalist interessiert sich nur fü r den Profit, den er aus dem Verkauf der produzierten Tauschwerte ziehen kann. Verkä uflich sind aber nur Waren, die auch einen Gebrauchswert haben. Im Arbeitsprozeß wird der Arbeiter auf der einen Seite darauf getrimmt, auf Einhaltung der Qualitä t zu achten (damit die Ware verkä uflich bleibt), auf der anderen Seite soll er so schnell und so viel wie mö glich produzieren, um die produzierte Mehrwertmasse zu erhö hen. "Der in seiner Gebrauchswertsphä re eingeschlossene Arbeiter" kann diesen Widerspruch nicht entwickeln, weil seine Kritik individuell bleibt und daran ansetzt, daß man das Produkt rationeller, mit weniger Handgriffen, besserer Qualitä t usw. herstellen kö nne. Durch die kapitalistische Organisation der Arbeit ist sogar sichergestellt, daß der einzelne Arbeiter durch seine Kritik die Ausbeutung perfektioniert. Er muß sich stä ndig Poren schaffen, um seine Arbeit ü berhaupt erträ glich zu gestalten; Poren, die ihm der Stopper Stü ck fü r Stü ck wieder wegnimmt und die ihm schließ lich als 'Erfindung' entgegentreten. In der Fabrik "treibt der Arbeiter, um zu ü berleben, den Mechanismus voran, der ihn zerdrü ckt, wobei er die Freiheit besitzt, dies im Verein mit anderen zu tun." Das schließ t ein, daß die Arbeiter in ihrer Kooperation untereinander stä ndig die offiziellen Regeln ü bertreten und die Arbeit untereinander stä ndig neu aufteilen. [Diese von Alquati als "Funktionenhä ufung" analysierten Prozesse bieten zum Beispiel einen guten Ansatz, um die modernen Konzepte von Gruppenarbeit zu analysieren!] In seinen Diskussionen mit den Olivetti-Arbeitern entwickelte Alquati auch Argumente, um tiefer vorzudringen und den kollektiven Kern des ganzen freizulegen. Der Unternehmer muß die ArbeiterInnen nicht nur deshalb in ihrem "Gebrauchswertmythos" bestä tigen, um die Ware ü berhaupt verkaufen zu kö nnen. Es ist gleichzeitig sein wichtigstes Mittel, um die Produktion von Mehrwert politisch durchzusetzen. [Auch hier springen die Parallelen zur heutigen Propaganda fü r die "totale Qualitä t" ins Auge!] Ohne diesen "Gebrauchswertmythos wü rde der Unternehmer nä mlich die "Kollaboration" der Arbeiter verlieren. "In der Enttä uschung seiner grö ß ten Erwartung in bezug auf die Technik und in dem allgemeinen Problem der quantitativen Entwicklung des Konsums vermag der Arbeiter nicht einmal mehr nachzuprü fen, ob der Gebrauchswert in einem entscheidenden dialektischen Verhä ltnis zu anderen Zielsetzungen steht, die er nicht kennt, weil sie ihm verborgen bleiben, und die seine Auffassung von der Arbeit immer wieder enttä uschen. Das Unternehmen kann dies nicht bestreiten, denn wenn es die Qualitä t des oligo- polistischen Marktes nicht verwertet, dann realisiert es nicht nur keinen Profit, sondern verliert auch die 'Kollaboration' der Arbeiter bei seiner Erzeugung; diese 'Kollaboration' aber ist die wesentliche Stü tze des Tauschwerts und die unverzichtbare Voraussetzung des Mehrwerts." Alquati fä hrt unmittelbar fort: "Wenn man dann die 'Montagearbeiter' selbst und auch die 'Kontrolleure' fragt, warum die Dinge so organisiert sind und wozu sie wirklich dienen, dann antworten die meisten, daß sie das nie verstanden haben. Eins jedoch ist allen klar: daß nä mlich die Kontrolleure tatsä chlich keineswegs die Funktion von Priestern der Qualitä t haben [...] daß die Funktion der Qualitä tskontrolle zum groß en Teil noch immer bei den Montagearbeitern liegt."

Daraus entwickelte dann Alquati Fragen, die er den Arbeitern stellte und mit denen einige anfingen, ihre eigene "kleine Untersuchung" zu machen: Wer macht also in Wirklichkeit die Qualitä tskontrolle? Wozu dienen die "Defekte", die ein Kontrolleur reklamiert? Wissen es die Techniker? Haben sie das vielleicht geplant? Und was machen die Meister? "Dieser ganze Komplex fü hrt schließ lich zu einer grü ndlichen Diskussion ü ber die Ausbeutung, die Rationalisierung und die Bü rokratie - und ü ber den Klassenkampf. Doch auch die Arbeiter selbst verfallen hier oft in den entscheidenden Fehler, die eine Tä tigkeit der anderen gegenü berzustellen, und gerade dadurch setzen sie den politischen Mechanismus in Gang, den die Geschä ftsleitung mit diesen Mystifikationen ins Leben gerufen hat." In einem weiteren Untersuchungsabschnitt kritisiert Alquati diese Entgegensetzung. Wenn die Arbeiter zum Beispiel sagen: "die Kontrolleure sind unnö tig, wir machen die Qualitä tskontrolle in Wirklichkeit selbst", stellt er die Frage: "Und wozu dienen die Kontrolleure dann wirklich?" Er arbeitet heraus, daß sie nicht fü r die Qualitä t, also die Gebrauchswertseite zustä ndig sind, sondern fü r die Erfü llung des Plans, die Verwertung sorgen sollen. Wie der Plan erfü llt wird, wie sie es schaffen, in der vorgegebenen Zeit Gebrauchswerte zu produzieren, wissen aber nur die Arbeiter.

Schon aus diesen wenigen Stellen wird deutlich, wie sich in den Untersuchungen Alquatis und der Quaderni rossi die Perspektive entscheidend umdreht. Die ArbeiterInnen sind nicht mehr die Unbewuß ten, denen die Sozialisten erklä ren mü ssen, daß der Kapitalismus etwas sehr Widersprü chliches ist. Sondern es geht darum, gemeinsam mit den ArbeiterInnen herauszukriegen, wo in den alltä glichen Konflikten die Potentiale fü r einen gemeinsamen Kampf liegen.

Auch wenn die Hypothesen dieser Untersuchungen im Detail oft falsch waren, so bestä tigte sich in den Streikbewegungen 1961/62 doch die grundlegende These, daß die ArbeiterInnen nicht integriert und Mittelstand geworden waren, sondern daß sie nach wie vor zum Subjekt im Klassenkampf werden kö nnen. Fehler wurden oft da gemacht, wo man ein neuen, zentrales Subjekt herauszufinden versuchte, oder wo das alte intellektuelle (und leninistische) Laster durchschlug, man kö nne die Klassenkä mpfe im voraus verstehen ("antizipieren") - wie ü berhaupt der Streit um die zentrale Figur eines des schlechtesten Erbstü cke des Operaismus ist, der oft die wirkliche Untersuchung verhindert. Unerwartet nahm in diesen Kä mpfen eine Arbeiterfigur eine wichtige Stellung ein, die in den Fabrikuntersuchungen bislang nicht besonders beachtet worden war: die aus dem lä ndlichen Sü den eingewanderten jungen, ungelernten Arbeiter, von denen man spä ter nur noch als "dem Massenarbeiter" sprach. Aber aufgrund der breiten Vorarbeiten und der Zusammenarbeit mit neu entstehenden Arbeitergruppen konnten die GenossInnen ihre theoretischen Arbeiten sehr schnell auf den Stand der Klassenkä mpfe bringen.

Mit der neuen Welle von Streiks entwickelte sich bei den ArbeiterInnen ein groß es Interesse an Informationen und Diskussionen. Damit verschob sich der Schwerpunkt der politischen Arbeit. Conricerca hieß nun vor allem, dabei mitzuhelfen, daß sich die Informationen ü ber die Kä mpfe ausbreiten. Die Gruppen von Militanten, die von auß en Kontakt am Werktor aufnahmen, sahen nun ihre Aufgabe darin, fü r die "horizontale Zirkulation der Kä mpfe" zu sorgen. Also die Informationen ü ber einen kleinen Streik in der einen Fabrik mit einem Flugblatt oder einer kleinen Zeitung den ArbeiterInnen in anderen Fabriken derselben Region mitzuteilen oder den Streik in einer Abteilung den ArbeiterInnen der ganzen Fabrik bekanntzumachen. Es gab auch immer wieder Versuche, die ArbeiterInnen selbst in die Redaktion dieser Zeitungen miteinzubeziehen. Ein ehemaliger Militanter von Potere Operaio biellese [Arbeitermacht Region Biella] beschreibt die Rolle dieser Externen so: "Wir waren die Briefträ ger der ArbeiterInnen." Und Bianchini von Potere Operaio veneto-emiliano [Arbeitermacht Venetien-Emilia]: "Wir wollten helfen, diese Kä mpfe zu verbreiten, die die alten Strukturen zerbrachen. ... Wir gingen an die Fabriktore, aber nicht um Predigten zu halten, wir wollten nicht die Partei sein, die den Ton angibt. Wir fragten die Arbeiter, was sie wollen." Begü nstigt durch die politische Situation war diese Herangehensweise in jenen Jahren sehr fruchtbar. Sie brachte Militante aus unterschiedlichen politischen Organisationen zusammen; die Gruppen waren folglich politisch nicht homogen, doch der gemeinsame Bezug auf eine Arbeiterklasse in Bewegung machte die Zusammenarbeit mö glich.


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