"Biographischer Ansatz", "Intensivinterviews", ... alles inzwischen von Feministinnen und linken Soziologen seit Jahren praktizierte Untersuchungsmethoden. Der Unterschied ist, daß die Arbeiteruntersuchung von einer kollektiven Dimension ausging: der Selbstkonstitution der Klasse, dem Aufspfü ren des Kommunismus in den Bewegungen der Arbeiterklasse selbst. "Porto Marghera [Standort petrochemischer Industrie auf dem Festland gegenü ber von Venedig] war das Laboratorium, in dem wir mit wissenschaftlichen Methoden die Dinge ü berprü ften. Man konnte keinen politischen Diskurs fü hren ohne das, was wir Arbeiteruntersuchung nannten. Wir muß ten uns zwangslä ufig erst noch einmal klarzumachen, was der Arbeiterstandpunkt im Konkreten war, weil sie ja die gesellschaftlichen Figuren sind, die strategisch relevant sind, im Prozeß hin zum Neuen."
Um die grundsä tzliche Frage, ob das Instrumentarium der Soziologie kritisch angewendet werden kö nne, gab es heftige politische Auseinandersetzungen in den Gruppen. Dies ging von der Tendenz, den Marxismus auf eine bloß e Soziologie zu reduzieren ü ber die kritische Anwendung soziologischer Instrumente bis zum Versuch der vö lligen Aufhebung des Unterschieds zwischen Untersuchern und den Objekten der Untersuchung, den ArbeiterInnen, mit dem Ziel Arbeiterselbstuntersuchung. Die beiden letztgenannten Positionen nannten ihre Praxis Conricerca, wö rtlich: "Mituntersuchung". Liliana Lanzardo erklä rte im November '94 in Turin, daß die Unterschiede von heute aus viel klarer zu sehen seien zwischen denen, die eine akademische Untersuchung machen wollten, und wem es um ein politisches Projekt ging; damals habe es nicht einmal eine Terminologie gegeben. Einige ihrer damaligen MitstreiterInnen seien heute angesehene Industriesoziologen im schlechtesten Sinn.
Alquati entmystifizierte schon 1975 die Heldengesä nge auf die damalige Praxis etwas. "Arbeiterselbstuntersuchung" hatte als Parole provozieren sollen, denn die institutionalisierte Arbeiterbewegung sei damals ebenso "arbeiterfeindlich" gewesen wie ihre linke, operaistische Komponente, schrieb er. "Wenn wir im Frü hjahr 1960 Klassenuntersuchung sagten, so war das fü r uns gleichbedeutend mit Revolution oder revolutionä rem Prozeß ." In Wirklichkeit sei keine "Arbeiteruntersuchung" bzw. Arbeiterselbstuntersuchung gemacht worden, sondern eine soziologische Untersuchung ü ber die Arbeiterklasse. Die einzelnen Arbeiter waren dabei Quelle von Informationen und Erkenntnissen, die die Gruppe dann auß erhalb der Fabrik weiter bearbeitete, um die zweite Phase vorzubereiten. Diesen Ü bergang zur zweiten Phase, der eine Beziehung zum kollektiven Arbeiter voraussetzt und das Hauptgewicht auf die subjektive Bewegung legt, hä tten sie nie geschafft. Denn "der kollektive Arbeiter" kö nne nicht gleichgesetzt werden mit mehreren Arbeitern, sondern meine schon die politische Organisation der Arbeiter. Diese habe es noch nicht gegeben, sondern nur ihre Vorform, die Autonomie. Ein Teil der Gruppe habe deshalb "provisorisch" erst mal soziologische Untersuchungen gemacht, der andere Teil sah die entstehende politische Organisierung der Arbeiterklasse als Mittel, um die soziologische Untersuchung zu realisieren.
Die ersten Untersuchungen haben die SoziologiestudentInnen der Gruppe gemacht. Der Rest der Gruppe hatte eher Angst vor den Schwierigkeiten, hielt sich fü r nicht gerü stet genug. Untersuchungsarbeit hieß , Material ü ber die Umstrukturierung der Industrie durchzuarbeiten, eine Analyse der Tä tigkeiten am Arbeitsplatz zu machen, die Maschinerie zu untersuchen, das Fabriksystem mit seinen Widersprü chen und mö glichen Explosionen. Es wurden nur wenige, aber sehr vertiefte Interviews gemacht - "alles war neu und interessant", beschrieb Liliana Lanzardo ihren damaligen Enthusiasmus. All das sei eben keine Conricerca gewesen, denn das Verfahren war nur den Interviewern bekannt, es gab keine Paritä t zwischen Untersuchern und Untersuchten. Dies war eher mö glich in den kleinen Betrieben, wo auch gemeinsam mit den ArbeiterInnen Arbeiterzeitungen erstellt wurden. Die Kontaktaufnahme lief meist ü ber die Metallarbeitergewerkschaften fim und fiom, die in Turin dem Projekt anfangs sehr offen gegenü berstanden.
Auch industriesoziologische Analysen stoß en ü berall auf Konflikte. Aber in der Regel begutachten bfü rgerliche Soziologen diese Konflikte dann als Probleme, die es zu lö sen gilt, um das reibungslose Funktionieren der Fabrik zu gewä hrleisten. Und "kritische" Soziologen decken Konflikte auf, um zu beweisen, daß die Fabrik eben nicht perfekt funktioniert. Im Gegensatz dazu gingen die GenossInnen, geschult an Marx, von der Widersprü chlichkeit des Arbeitsprozesses aus. So konnten sie verstehen, wie Konflikte auch funktional fü r die Verwertung sein kö nnen und welches die Funktionen der Hierarchie sind, die verhindern sollen, daß aus diesen Konflikten ein gemeinsamer Kampf wird.
"Der sozialistische Gebrauch der Soziologie erfordert ein Umdenken, erfordert, diese Instrumente zu studieren im Licht der Grundhypothesen, die man aufstellt und die sich dann in einer einzigen zusammenfassen lassen: die Konflikte kö nnen sich in Antagonismen verwandeln und deshalb nicht mehr funktional fü r das System sein. Wobei in Betracht zu ziehen ist, daß die Konflikte funktional fü r das System sind, weil es ein System ist, das sich ü ber Konflikte weiterentwikelt." Am besten lä ß t sich allerdings das Verhä ltnis zwischen Konflikt und Antagonismus untersuchen in einer Kampfsituation - was Panzieri "heiß e Untersuchung" nennt, "denn es gibt Werte, die der Arbeiter in normalen Zeiten besitzt und nicht mehr besitzt in Zeiten des Klassenkonflikts und umgekehrt." Untersucht werden soll das Verhä ltnis zwischen Arbeitersolidaritä t und Ablehnung des kapitalistischen Systems: "... inwieweit sind sich die Arbeiter bewuß t, gegenü ber der ungleichen kapitalistischen Gesellschaft eine Gesellschaft der Gleichen zu fordern, und inwieweit sind sie sich bewuß t, daß dies zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Wert werden kann." In diesem Text wird aber auch deutlich, daß Panzieri an einigen wesentlichen Punkten nicht ü ber den Schatten seines Parteikaderdaseins springen konnte. Er spricht von der Mö glichkeit, das Bewuß tsein der Arbeiter festzustellen und "anzuheben".