Der italienische Operaismus [Arbeiterismus] entstand in Diskussionszirkeln rund um die 1961 zum ersten Mal erschienene Turiner Zeitschrift Quaderni rossi [Rote Hefte]. Um die Quaderni rossi sammelten sich v.a. junge GenossInnen aus psi und pci, die teilweise ihre Partei verlassen hatten, teilweise drin geblieben waren, Gewerkschaftsaktivisten und StudentInnen, die sich nach anderen Möglichkeiten praktischer politischer Arbeit und theoretischer Debatte umsahen. Wobei für die Mehrheit von ihnen "Operaismus" ein Schimpfwort war, von dem sie sich ebenso scharf distanzierten wie vom Vorwurf des "Anarchosyndikalismus". Sie sahen sich als Vertreter einer mehrheitlichen Strö mung der Arbeiterklasse, nicht als "Extremisten". "Operaismus" als politische Kultur war erst anerkannt, als tatsächlich die Arbeiterkämpfe 1969 ff. die politische Situation in Italien für mehrere Jahre vollständig umkrempelten.
Die Zeitschrift Quaderni rossi war ein Kristallisationspunkt von verschiedenen politischen Scenes, Interessen und politischen Ansätzen, die sich als innere wie äußere Opposition der institutionalisierten Arbeiterbewegung begriffen. Sie setzten sich kritisch mit den Theorien auseinander, die weltweit diskutiert wurden, nahmen antistalinistische Erfahrungen auf und lasen Marx noch einmal neu. Ihren eindeutigen Schwerpunkt setzten sie auf die Untersuchung des Klassenantagonismus in der Produktion. Als ideenreicher "Begründer" des Projekts gilt Raniero Panzieri, ein Intellektueller aus Rom, der in den 50er Jahren als Funktionär des psi Landarbeiterkämpfe in Sizilien mitorganisiert hatte. Nebenbei übersetzte er den zweiten Band des Kapitals neu ins Italienische. Hauptziel seiner Arbeit war zunächst, die Sozialistische Partei wieder auf einen "revolutionären" Kurs zu bringen, d.h. ihre Sozialdemokratisierung mit dem Ziel der Regierungsbeteiligung zu bekämpfen und sich statt auf das Parlament wieder stärker auf die (Land- und Fabrik-) Arbeiterbasis zu stützen. Als Instrument diente ihm dabei die Parteizeitschrift Mondo operaio [Arbeiterwelt], deren Chefredakteur er war. Eine breite Diskussion löste er mit seinen zusammen mit Libertini geschriebenen "Thesen zur Arbeiterkontrolle" aus, die eine harte Kritik an staatssozialistischen Konzepten waren. Als er mit diesem Kurs innerhalb der Partei scheiterte, ging er nach Turin, "um die Arbeiterklasse in der Fabrik wiederzufinden". 1961 verließ er nach jahrelangen Auseinandersetzungen das ZK des psi.
Die Zeiten waren vorbei, in denen sich alles innerhalb der Organisationen abspielte. Zur Frage: "Soll man in den historischen Parteien der Arbeiterbewegung aktiv sein oder in autonomen politischen Interventionsgruppen", vertrat Panzieri Anfang 1960 in einer Diskussion mit dem Sozialistenführer Lelio Basso den Standpunkt, daß man in einer Situation, in der nicht nur eine Strömung der Partei, sondern die Partei [der psi] als solche in der Krise sei, "keinen neuen Wein in alte Schläuche füllen" sondern "auf der Ebene der Basis selbst" nach einer politische Linie suchen müsse; sich nicht darauf beschränken, ein Erbe zu bewahren, das sich nunmehr erschöpft, sondern ausgehen "von einer Überprüfung, die die Bewegung glücklicherweise heute erlaubt". Nach einer Diskussion im Bfüro des psi in Mestre, an der sehr viele Arbeiter teilnahmen, schrieb er an Montaldi: "Es wäre wirklich schade, wenn man zuläßt, daß so lebendige Kräfte in den gegenwärtigen Engpässen und Mystifikationen des psi (dasselbe gilt für den pci) aufgerieben wfürden. Ich bin immer mehr davon überzeugt, daß man von den Parteistrukturen und -hierarchien völlig unabhängige Bezugspunkte schaffen muß, auf die diese Klassenkräfte voller Vertrauen schauen können, die sich bewußt werden über die Lügen der offiziellen Politik der Parteien, aber die nicht auf eine Verbindung verzichten wollen, in die sie nicht das Vertrauen in die 'Instanzen', sondern ihr Bewußtsein und ihre Klassensolidarität übersetzen, und damit eine konkrete Kraft gegen den Unternehmer, einen revolutionären Willen. Wir müssen uns also das praktische Problem stellen, wie wir eine Verbindung herstellen können zwischen einigen Gruppen mit einer revolutionären Orientierung innerhalb und außerhalb der Parteien, und zwar in organisatorisch offenen Formen, wobei man jeglichen Anschein einer kleinen Sekte vermeiden muß, denn das ist der gröbste Irrtum, dem all die kleinen Gruppen der Arbeiterlinken verfallen sind."
Panzieri sah in der Zeitschrift Quaderni rossi ein politisches Instrument, um in Richtung einer einheitlichen, d.h. nicht nach Parteien getrennten, und revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse zu wirken. Hoffnungen auf einen Wiederaufschwung der Arbeiterbewegung schöpfte die Gruppe aus der Streikwelle 1959 in der Metall- und Textilindustrie und vor allem aus den Aktionen im Jahre 1960 gegen den Parteitag des msi [Faschistische Partei] in Genua, der Hauptstadt des kommunistischen Widerstands. An den militanten Demonstrationen beteiligten sich zum ersten Mal seit Jahren sehr viele junge ArbeiterInnen. Das Auftauchen dieser "neuen Kräfte", einer Generation, die nicht mehr von der Resistenza geprägt war, übertrugen die Quaderni rossi auf eine mögliche Umkehrung der Situation bei fiat als "Mittelpunkt" der kapitalistischen Entwicklung in Italien.
"Wir haben uns am Metallarbeiterstreik in der Weihnachtsnacht 1959 beteiligt, eine kleine Gruppe von Genossen in Mailand hat angefangen, die Situation bei Marelli, Pirelli usw. zu untersuchen. Insgesamt haben wir zwischen 1958 und 1961 wie bei einem Puzzle mit der Analyse, der Beschäftigung mit den Fabriken angefangen, um den Kontakt mit denen wiederherzustellen, die dort drin arbeiteten ... Von extremer Bedeutung wurde dann der Juli 1960 für uns, die Revolte der Arbeiter in Genua gegen die Faschisten. In dieser Bewegung, die in ganz Italien gegen die Regierung Tambroni losbrach, wurde eine Potentialität auf Massenebene deutlich, die wie ein Peitschenhieb und eine Anstachelung für die Genossen wirkte, die Untersuchung und die Organisierung voranzutreiben. 1960 ist meiner Ansicht nach außerordentlich wichtig: für einige Genossen, für mich selbst, war es das erste Mal, daß wir uns mit präzisen Funktionen innerhalb einer Massenbewegung befanden, und wir spürten zum ersten Mal ihre außergewöhnliche Kraft und ihre Fähigkeit, die Machtverhältnisse durch die Militanz der Arbeiter- und Proletarierverhaltensweisen umzukrempeln."
Das Mittel der Annäherung an die "wirkliche Arbeiterklasse" war die Untersuchung. Es gab damals in Italien mehrere kleine Gruppen, die solche "Untersuchungen" durchführten und über die politischen Konsequenzen diskutierten. In der Regel war "Untersuchung" damals ein Herangehen von außen, allerdings gemeinsam mit ArbeiterInnen, die an Gruppensitzungen teilnahmen und mit denen sie gemeinsam Flugblätter und Arbeiterzeitungen verfaßten. Von den wenigsten dieser Untersuchungen ist schriftliches Material überliefert. Einige der bekannteren über die Bedingungen bei fiat oder Olivetti waren mehr oder weniger Einzelleistungen. Einzelleistungen, die es jedoch erlaubten, bestimmte Hypothesen aufzustellen, die Grundlage waren für die politische Arbeit.
Aus Gesprächen mit jungen Gewerkschaftsaktivisten bei fiat entstand ein neues Bild über die Arbeiterklasse, deren Bedürfnisse Alquati zusammenfaßte in einer neuen Figur: den jungen Technikerarbeitern, die auf den Werkschulen eine Art Facharbeiterausbildung genossen hatten, die mit der Arbeit bei fiat unzufrieden waren, die selbstbewußt glaubten, die Produktion leiten zu können - und in Wirklichkeit "stupide Arbeiten" verrichten mußten. In diesem Auseinanderklaffen zwischen geweckten Ansprüchen, "dem Bewußtsein, die Produktion leiten zu können", Qualifikation und tatsächlicher Arbeitsrealität - in der Zerstörung der Mythen des Neokapitalismus - sah Alquati einen sprengenden Widerspruch.