Vorläufer der Arbeiteruntersuchung in Frankreich...

Die antistalinistische Linke in Frankreich hat eine lange Tradition der Untersuchung. Bereits zu Zeiten der Volksfront führte sie eine Diskussion über die epochalen Veränderungen in der Zusammensetzung der Arbeiterklasse durch die Einführung von halbautomatischen Werkzeugmaschinen. Auf die Bedienung einer einzigen Maschine spezialisierte Arbeiter ersetzten damals die umfassend ausgebildeten Facharbeiter. Der trotzkistische Militante und Industriesoziologe Pierre Naville untersuchte den Antagonismus in diesen neuen Produktionsverhältnissen, statt die Entwicklung der Arbeiterklasse aus der technischen Entwicklung "abzuleiten". Er tat dies beispielsweise anhand der Arbeitszeit, die durch die Einführung der Maschinerie keineswegs sank, sondern steil anstieg. Die Verkürzung der Arbeitszeit ist allein das Ergebnis des Kampfs der "Arbeiterkoalitionen". Diese Diskussionen wurden in seiner Zeitschrift Cahiers rouges [Rote Hefte] publiziert.

Die in der Tradition der Rätekommunisten stehende Gruppe Socialisme ou Barbarie [Sozialismus oder Barbarei], der Lefort, Castoriadis und Moth'e angehörten, nahm Anfang der 50er Jahre vieles vorweg, was später in Italien als Arbeiterautonomie thematisiert wurde. Ausgehend von Marxens Thesen ("die größte Produktivkraft ist die revolutionäre Klasse selbst") begriff Lefort das Proletariat nicht als physische Masse, wie es der orthodoxe Marxismus tut, sondern als sich formierendes Subjekt der Geschichte. Für die Emanzipation der ArbeiterInnen arbeiten heißt, in der proletarischen Erfahrung die Keime subjektiver Selbstkonstitution als Oppositionskraft gegen die Ausbeutung zu fassen. Und zwar nicht, indem man den ArbeiterInnen Predigten hält oder bei der Frage, wie der jetzige Zustand überwunden werden kann, doch wieder auf die Partei - in welcher Form auch immer - als Deus ex machina zurückgreift. Lefort regte eine Untersuchung an, um die heutigen Formen gesellschaftlicher Zusammenarbeit zu begreifen, die auf eine Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise anspielen. Sein Hauptinteresse galt der Besonderheit der proletarischen Erfahrung, aus der heraus sich die Klasse konstituiert.

Die Formulierung aus dem Kommunistischen Manifest "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen" habe nichts von ihrem explosiven Charakter verloren, schreibt er. Der Pseudo-Marxismus habe die Theorie des Klassenkampfs in ökonomische Wissenschaft verwandelt und das Proletariat auf einen Ausführenden seiner ökonomischen Funktion reduziert. Doch das Proletariat hat in der Geschichte nicht nur reagiert, sondern wirklich agiert, eingegriffen, und zwar nicht nach einem von der objektiven Situation vorgegebenen Schema, sondern auf der Basis seiner umfassenden Erfahrung. Die Arbeiterbewegung ohne ständigen Rückbezug auf die ökonomische Struktur der Gesellschaft zu interpretieren sei absurd - sie darauf zu reduzieren bedeute, drei Viertel des konkreten Klassenverhaltens nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Bourgeoisie wie Arbeiterklasse werden jede für sich durch gemeinsame Interessen geeint. Doch das gemeinsame Interesse der Arbeiter sei anderer Art: es bestehe darin, nicht mehr Arbeiter zu sein. D.h. nicht ihre ökonomische Funktion auszuüben, sondern sie radikal zu negieren. Die Existenzbedingungen der Arbeiter selbst erfordern einen ständigen Kampf für Veränderung, d.h. eine ständige Loslösung von ihrem unmittelbaren Schicksal. Der Fortschritt in diesem Kampf, die Erarbeitung eines ideologischen Inhalts, der diese Loslösung erlaube, bilden die Erfahrung, durch die hindurch die Klasse sich konstituiere.

Lefort versucht Marxens Fragestellungen in der Deutschen Ideologie auf heute anzuwesen: Wie eignen sich die Menschen unter den Bedingungen der Industriearbeit ihre Arbeit aneignen? Wie stellen sie praktisch ihre Beziehung zum Rest der Gesellschaft her? Wie fügen sie eine gemeinsame Erfahrung zusammen, die aus ihnen eine historische Kraft macht? Er setzt sich von Lenins Auffassung ab, nach der das Proletariat eine Einheit bilde, deren geschichtliche Aufgabe ein für alle Mal feststehe und wo nur noch die "Kräfteverhältnisse" interessierten, die es herstelle. Lefort sieht das Handeln des Proletariats in seiner Zwieschlächtigkeit: einmal in der Form des Widerstands, der die Unternehmer ständig zwingt, die Ausbeutungsmethoden zu verbessern; zum anderen in seiner Anpassung an den Fortschritt, in seiner aktiven Kollaboration mit diesem: die Arbeiter selbst finden Antworten auf tausend Probleme, die die Produktion im Detail stellt. Das Ergebnis sieht aus wie eine systematische Antwort und bekommt den Namen "Erfindung". Dabei nimmt die Rationalisierung nur die zerstreuten und anonymen Innovationen, die im konkreten Produktionsprozeß entstehen, auf, interpretiert und integriert sie. Das Proletariat sei bisher auf drei Arten untersucht worden: ökonomisch, ideologisch und historisch. Lefort selbst schlug einen vierten Ansatz vor: er wollte aus seinem Innern heraus seine Haltung zur Arbeit und zur Gesellschaft rekonstruieren, und seine Erfindungskraft und die Stärke seiner sozialen Organisation im täglichen Leben darstellen. Nach einem solchen Ansatz sei bisher nicht vorgegangen worden - weder von Marx noch von der sogenannten "Arbeiter"soziologie in den USA, in der Lefort das Werk der Unternehmerschaft sah; die "aufgeklärten" Kapitalisten hätten entdeckt, daß die materielle Rationalisierung ihre Grenzen hat, daß die Menschen-Objekte auf bestimmte Weise reagieren, daß man auf sie eingehen muß, wenn man sie effektiver ausbeuten will. Diese Soziologie könne aber schon aufgrund ihrer Klassenperspektive die proletarische Persönlichkeit nicht erreichen, weil sie sich ihr von außen anzunähert und die Arbeiter nur als Produzenten sehen könne, als einfache Ausführende, unwiderruflich an das kapitalistische Ausbeutungssystem gebunden.

Die Untersuchung über das soziale Leben des Proletariats sollte kein Studium der Klasse von außen sein, sondern die präzisen Fragen beantworten, die sich den Arbeiteravantgarden explizit und der Mehrheit der Klasse implizit heute stellen. Lefort sammelte Selbstzeugnisse von Arbeitern, Lebensläufe, individuelle Erfahrungen über das Verhältnis zu ihrer Arbeit, das Verhältnis zu anderen Arbeitern, das soziale Leben außerhalb der Fabrik und die Bindung an eine proletarische Tradition und Geschichte.

Er schreibt, die Meinungen könnten wechseln, transportierten oft Mystifikationen, aber "alle Arbeiter haben die Erfahrung der Ausbeutung, die Erfahrung der Entfremdung gemeinsam - und alle Arbeiter wissen das. Jeder Bfürger merkt es sofort, wenn er ein Arbeiterviertel betritt." Diese Arbeiterverhaltensweisen aufzuspfüren ist das Untersuchungsziel. Gibt es eine "Klassenmentalität"?

Mit diesen Fragestellungen will Lefort keineswegs auf einen "Arbeiterismus", der die Notwendigkeit der theoretischen Kritik leugnet und von dem er sich immer distanziert hat.

"Unser Interesse mit diesen Fragen ist, von einem revolutionären Standpunkt aus zu zeigen, wie ein Arbeiter mit seiner Klasse eins wird und ob seine Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe verschieden ist von der eines Kleinbfürgers oder eines Bürgers zu seiner Gruppe. Bindet das Proletariat sein Schicksal auf allen Ebenen seiner Existenz mehr oder weniger bewußt an das Schicksal seiner Klasse? Können wir die klassischen Aussagen konkret überprüfen, die oft zu abstrakt sind: Klassenbewußtsein, Klassenverhalten und die Vorstellung, die Marx vom Proletariat hatte, daß es im Unterschied zur Bourgeoisie nicht nur Mitglied seiner Klasse, sondern Individuum einer Gemeinschaft ist und sich darüber bewußt ist, daß es sich nur kollektiv befreien kann?"


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