Wir wollen im folgenden den ersten (die Methode) und den dritten (das Eingreifen) der vorher genannten Punkte anhand der Arbeiteruntersuchung in Italien Anfang der 60er Jahre darstellen. Dabei müssen wir auch ein paar Mythen aus dem Weg räumen über die genialen italienischen Operaisten. Weder ist die Arbeiteruntersuchung eine italienische Erfindung und nur in Italien durchführbar; noch konnten die Operaisten mit der Brechstange Kämpfe erzeugen, wo nichts da war - den "archimedischen Punkt" finden (genau so wurde es damals formuliert!), um das System aus den Angeln zu heben. Aber sie waren durch ihre Untersuchungen auf kommende Kämpfe vorbereitet, hatten die Probleme innerhalb der Fabrik analysiert, hatten die Arbeiterdiskussion verfolgt, um die Arbeiterforderungen auf die Flugblätter schreiben zu können und auf Versammlungen als politische Linie durchzusetzen. Sie hatten gelernt, "daß es schon Kämpfe gibt, bevor sie offen ausbrechen".
Eine Schwierigkeit bei der Rekonstruktion der Arbeiterkämpfe Anfang der 60er Jahre und der Anfänge operaistischer Theorie besteht darin, daß diese Geschichte von der Erfahrung des Heißen Herbstes 1969 aus, quasi von ihrem Ende her aufgeschrieben wurde. Dabei wurden die Anfänge dieser Bewegung im nachhinein vereinfacht dargestellt, wie z.B. Dario Lanzardo an der späteren Aufbereitung der Ereignisse auf der Piazza Statuto in Turin 1962 zeigt. In solchen Veröffentlichungen marschiert "der Massenarbeiter" als kompakter Block aus der Fabrik in die Innenstadt und revoltiert gegen die Gewerkschaft. Richtig ist, daß in dem Fiat-Werk, von dem der Arbeiterumzug losging, gar keine Immigranten aus dem Süden beschäftigt waren, sondern v.a. qualifizierte piemontesische Arbeiter. An der Demo nahmen ganze 600 Arbeiter teil. An dem anschließenden riot beteiligten sich massenhaft junge Leute und BewohnerInnen der umliegenden proletarischen Stadtteile. Wer sie wirklich waren, darüber gab es nur stark politisch gefä rbte Ansichten. Aus den Prozeßakten läßt sich jedenfalls ersehen, daß auch jede Menge junger PCI-Mitglieder beteiligt waren, die dadurch Schwierigkeiten mit ihrer Partei bekamen.
Italien erlebte in den 50er Jahren eine epochale Umwälzung. Der Aufbau der Industrie und der Wirtschaftsaufschwung zog Millionen Menschen an, die aus dem armen Süden in die Großstädte im Norden auswanderten und von der dortigen Bevölkerung, auch den Arbeitern, nicht gerade freundlich aufgenommen wurden. Sie galten als dumm, unzivilisiert, unpolitisch, als Deppen, die sich alles gefallen lassen, die die Löhne drücken. Es war damals durchaus üblich, daß Hausbesitzer Schilder raushängten: "Zimmer frei. Nicht für Süditaliener!"
Die ungekannte Steigerung des Massenkonsums basierte auf harter Arbeit, niedrigen Löhnen und einem eisernen Fabrikkommando. Bei Fiat waren die aktiven kommunistischen Kader aus den Werken verbannt oder in Strafabteilungen mattgesetzt worden. Die Gewerkschaften hatten die Fiat-Fabriken bereits aufgegeben und ihre Arbeit auf kleinere Betriebe konzentriert. Auf politischer Ebene beteiligte sich die Partei der Arbeiterklasse am "nationalen Wiederaufbau" und garantierte den sozialen Frieden im Austausch gegen Arbeitsplätze.
Ende der 50er Jahre war die politische Situation für die italienische Linke von folgenden Fakten geprägt. Die sowjetische "Mutterpartei" hatte 1953 in Berlin und 1956 in Budapest aufständische ArbeiterInnen zusammenschießen lassen; damit war ihre Glaubwürdigkeit gerade auch in Westeuropa schwer erschüttert. Die Sozialistische Partei (psi), in der viele Antistalinisten Zuflucht gesucht hatten, war auf dem Weg zur Sozialdemokratie, was dann in der Regierungsbeteiligung 1963 und der Spaltung der Partei endete. 1959 nahmen die ArbeiterInnen der Wollindustrie in der Gegend um Biella erstmals wieder selbstorganisierte Streiks auf. In einigen Metall- und Chemiefabriken der Po-Ebene durchbrachen Arbeiterkämpfe die langjährige Stagnation.
Das neue gemischte Wirtschaftssystem, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Italien mit Marshallplan-Geldern aufgebaut wurde, bezeichnete man als Neokapitalismus. Während die institutionelle Linke darin die Chance für einen friedlichen Weg zum Sozialismus über die Ausweitung und Kontrolle des staatlichen Sektors ("anti-monopolistisches Bündnis") erblickte, sahen Linkskommunisten das Ende der revolutionären Potenzen der Arbeiterklasse gekommen, weil diese nun ins System integriert sei.
Neokapitalismus hieß geplanter Kapitalismus. Die Behauptung, alles planen zu können und damit Gesellschaft gestalten, Verhaltensweisen steuern zu können, unter anderem durch die Versorgung mit Konsumgütern, war die vorherrschende Ideologie. Entsprechend war die Soziologie in den 50er Jahren die dominante Sozialwissenschaft. (In den 70er Jahren, als die Veränderung des einzelnen Menschen thematisiert wurde, war es die Psychologie, und heute ist es die Volkswirtschaft, da die Ökonomie als der alles beherrschende Sachzwang gesehen wird.) Der Mainstream der US-Industriesoziologie verkündete das Verschwinden der Arbeiterklasse, die Integration des "Wohlstandsarbeiters", seine "Verbürgerlichung", und die "Tertiarisierung" der Produktion. Daneben gab es die "kritische" oder linke Soziologie, die die Arbeitsbedingungen in den Fabriken und in miserablen Jobs untersuchte und eine "Humanisierung" der Arbeitsorganisation forderte. "Partizipation" und die Entdeckung des "ganzen Menschen" waren die Schlagworte der aufgeklärten Fraktion des Kapitals. Der als "sozial" geltende Unternehmer Olivetti holte Psychologen und Soziologen in die Fabrik, die die human relations verbessern sollten. Die einflußreiche "Partei der Soziologen" machte Politik, schreibt Alquati.
Hauptuntersuchungsobjekt der Industriesoziologen waren die "neuen Arbeiter", die "neue Arbeiterklasse": die gut ausgebildeten, in der hochtechnisierten oder automatisierten Produktion tätigen Technikerarbeiter, die sich deutlich vom Bild der traditionellen Arbeiterklasse unterschieden und die nach den damaligen Voraussagen bald eine zentrale Rolle im Produktionsprozeß spielen sollten. Man vermutete, daß sich damit auch die Formen betrieblicher Auseinandersetzungen verändern würden. Dazu erschienen eine Unmenge Studien in den USA und in Frankreich, die Anfang der 60er Jahre auf italienisch übersetzt wurden und, u.a. herausgegeben von Montaldi und Panzieri, bei den linken Verlagen Feltrinelli und Einaudi erschienen.
Forciert wurde die Beschäftigung mit der Soziologie in Italien von der (nicht-marxistischen) sozialistischen Linken, während der pci Togliattis wie auch die traditionellen linkskommunistischen Gruppen jeder Art von Soziologie feindlich gegenüberstanden. Dazu paßte, daß der pci seit Jahren keine Rolle mehr in der Betriebspolitik spielte und die Verhältnisse in den Fabriken kaum thematisierte. Die Soziologen waren die einzigen, die in die Fabriken gingen und sich mit den Veränderungen in der Arbeitsorganisation und den neuen Verhaltensweisen der ArbeiterInnen befaßten - eine Situation, die vergleichbar ist mit der heutigen. Während sich die Reste der Linken in Ideologien flüchten und die Thesen von Kern/Schumann über das Ende der Massenproduktion oder die Chancen der Gruppenarbeit nachbeten, erfahren die multifunktionalen Facharbeiter eine Vervielfachung von Ausbeutung und Arbeitshetze. Die ArbeiterInnen sind auch heute alleine. Die wirkliche Arbeiterklasse hatte nicht viel mit der "ideellen Gesamtklasse" zu tun, als deren Repräsentanten sich die Institutionen der Arbeiterbewegung sahen. So griffen einige junge Dissidenten begierig nach den Instrumenten der Feldforschung, der Fabrikuntersuchung, die die Soziologie erprobt hatte, um die neue Arbeiterrealität zu analysieren. "Es handelte sich um unterschiedliche Momente einer einleitenden Erkundung des Terrains, aus dem sowohl wir als auch die Arbeiterbewegung draußen waren, und das nicht leicht zu betreten war; unnötig zu sagen, daß es auch der italienischen Linken unbekannt war; und solange man außerhalb stand, hatte die (französische, englische und amerikanische) Industriesoziologie einige Hypothesen anzubieten."
Untersuchung zu machen war eine Verweigerung gegenüber der orthodox-marxistischen Gewohnheit, aus der Analyse der kapitalistischen Entwicklung die Entwicklung der Arbeiterklasse abzuleiten.