Arbeiter von Fiat

hinter Eurem Rücken und ohne Euch zu fragen haben die gewerkschaftlichen Organisationen im Dienst der Unternehmerschaft einen Separat-Tarifvertrag abgeschlossen, um den Arbeiterkampf und die Arbeitermacht bei Fiat zu liquidieren. Jetzt seid Ihr dran, zu entscheiden und zu erklären, was Ihr wollt und was Ihr nicht wollt. Wir müssen klären, was das Unternehmermanöver ist und was die Arbeiterantwort sein muß.

Die Positionen der Confindustria und der Staatsbetriebe sind klar: die italienische Unternehmerschaft ist bereit zu minimalen Konzessionen und fordert im Gegenzug, daß es in den nächsten drei, vier Jahren keinen wirklichen Arbeiterkampf gibt.

Der Arbeiterkampf der letzten Tage hat diesen Unternehmerwillen offen gelegt. Er hat deutlich gemacht, daß die Entwicklung des Arbeiterkampfs in den nächsten Jahren auf dem Spiel steht.

In Italien ist eine sehr intensive wirtschaftliche Entwicklung in Gang, die der Unternehmerschaft immense Profite einbringen soll, mit der Folge, daß die Akkumulation gewaltig anwächst. Valletta hat vor ein paar Tagen klar gemacht, daß der Kapitalismus die Stabilisierung dieser Wirtschaftsentwicklung unter seiner Herrschaft innerhalb und außerhalb der Fabrik erzwingen will. Im heutigen Kampf steht die Arbeiterbewegung am Scheideweg: entweder konsolidiert sich die kapitalistische Macht, ihre Willkfür und ihr Despotismus; oder die Arbeiterklasse findet wieder zu sich selbst und organisiert sich gegen das Kapital. Damit setzt sie die Bedingungen für die Entscheidungen und die Entwicklung des Kapitalismus bis zu seiner vollständigen Niederlage.

Arbeiter von Fiat,

der entscheidende Punkt dieses Kampfs ist heute Fiat, weil der Metallsektor das Zentrum der kapitalistischen Expansion ist und Fiat das Zentrum dieses Sektors ist.

Genau deshalb stehen die Arbeiter von Fiat vor der Entscheidung, entweder zurückzugehen in eine Situation der Isolierung und Vereinzelung, wo der Unternehmerdespotismus wieder freie Hand hat wie früher - oder noch schlimmer, was bedeutet: Kürzung der Zeiten, willkürliche Qualifikationen, Entlassungen, Versetzungen, zusammengefaßt all die unerträgliche Willkür des Unternehmers Fiat gegenüber den ArbeiterInnen; oder zur bewußten Avantgarde einer starken und geeinten Arbeiterklasse zu werden.

Arbeiter von Fiat,

der Plan der italienischen Unternehmerschaft sieht heute so aus: sie wollen den großen Kampf der italienischen Metallarbeiter spalten, indem sie die Tarifverhandlungen für die Staatsbetriebe von denen der Privatbetriebe abtrennen und bei Fiat einen Haustarifvertrag erzwingen. Wenn sie das durchsetzen können, bevor die Arbeiterklasse von Fiat ihre Entscheidung getroffen hat, wird dieser große Kampf gespalten, der für den Klassenkampf insgesamt wichtig ist. Und der italienische Kapitalismus, den der Arbeiterkampf in größte Schwierigkeiten gebracht hat, kann das Projekt seiner Herrschaftsplanung wieder leichter durchziehen.

Arbeiter von Fiat,

heute habt Ihr es in der Hand, diesen Unternehmerplan scheitern zu lassen. Ihr seid nicht mehr untereinander isoliert und nicht mehr isoliert vom Rest der italienischen Arbeiterklasse. Eure Parole muß sein: kein Schritt zurück auf dem Weg zur Einheit im Kampf aller italienischen Metallarbeiter.

Ihr habt schon die erste und entscheidende Bedingung erfüllt, um das Kapital zu schlagen.

Gegenüber der Macht Eurer Einheit ist das Kapital schwächer als Ihr. In Eurer Hand liegt nicht nur der Schlüssel für den heutigen Kampf, sondern auch der Schlüssel für die Zukunft des Kampfs des italienischen Proletariats.

Arbeiter von Fiat,

niemand außer Euch selbst kann die Unternehmermanöver zurückschlagen, die sich vervielfachen, um euch zu isolieren und ohnmächtig zu machen gegenüber der Macht des Kapitals.

Jedem Unternehmermanöver und jeder Entscheidung, vor der Ihr steht, müßt Ihr Euch kollektiv konfrontieren.

Euer Protest ist in den letzten Wochen schon Organisation geworden. Er war zumindest der Anfang einer Arbeiterorganisation. Ihr habt Euch spontan zusammengefunden, um zu diskutieren, um Entscheidungen zu fällen - Gruppe für Gruppe, Abteilung für Abteilung.

Ihr seid direkt zum Betriebsrat gegangen, um zu diskutieren. Ihr habt Streikposten an den richtigen Punkten aufgestellt, um mit den unsicheren Kollegen zu diskutieren und sie zu überzeugen.

Das sind die ersten Formen einer wirklichen Arbeiterorganisation bei Fiat; wenn Ihr diese Organisierung weiterführt, wird Euch in Zukunft kein Kampf unvorbereitet treffen. Kein Unternehmermanöver wird Eure Macht besiegen können.

Arbeiter von Fiat,

die Geschäftsleitung hat Angst, daß diese Organisierung sich soweit festigt, daß sie ernsthaft die Unternehmermacht in der Fabrik angreifen kann. Deshalb hat sie mit ihren Sklaven, die ihr zur Hand gehen, den jetzigen Separat-Tarifvertrag abgeschlossen, der keine der wesentlichen Fragen der Arbeiterbedingungen in der Fabrik berührt. Damit ist jetzt alles klar: die Entscheidung liegt bei Euch. Ihr müßt Eurer Schicksal in die Hand nehmen. Dieser Streik ist eine große Gelegenheit, um einen Schritt voran zu kommen in der Organisierung der Klasse.

Ihr werdet aus diesem Kampf herausgehen mit der Verwirklichung einer Organisation in jeder Gruppe, in jeder Abteilung, in jedem Fiat-Werk. Mit einer Arbeiterdisziplin, die in der Lage ist, sich in jedem Augenblick der Ausbeutung, der Willkür und dem Despotismus des Unternehmers und seiner Lakaien entgegenzustellen.

(Dieses Flugblatt wurde am Vorabend des Generalstreiks für den nationalen Tarifvertrag der Metallarbeiter vor den Toren von Fiat verteilt.)


Zurü ck