1989 leitete Sergio Bologna einen Vortrag über Gramscis 'Americanismo e Fordismo' mit einer Zustandsbeschreibung der italienischen Linken ein: Er erinnerte zunächst an die Jahre 1969-73, als in Italien wie in keinem anderen Land der Welt die "Fabrik als Ort der Selbstorganisation der Arbeiterklasse und der Entwicklung neuer Verhaltensweisen, als Labor der neuen Subjektivität" eine "Hegemonie" über die ganze Gesellschaft und das Parteiensystem ausübte. Heute dagegen werde die Arbeit in schon grotesker Weise politisch ausgegrenzt, die Arbeiterklasse als umweltfeindlich und korporativ abgestempelt, als Hindernis für soziale und technische Innovationen. "Keiner spricht mehr von Arbeitern als Kollektiv, man spricht immer von einzelnen Gruppen." Bologna wertet dies als "kulturelle Krise". Einerseits mache sich in breiten Schichten der Bevölkerung mache sich Rassismus bemerkbar; andererseits sei ein neuer Anti-Rassismus entstanden: "Während die Linke ihre traditionelle Basis verdrängt, ist sie gleichzeitig von einem philantropischen Aktivismus den neuen Immigrierten gegenüber regelrecht besessen. Die einheimischen Schichten des Proletariats fühlen sich dadurch noch mehr ausgegrenzt und können ausländerfeindliche Reaktionen brüten [...] Einen großen Beitrag zur kulturpolitischen Ausgrenzung der Arbeiterklasse haben die neuen Umweltfreunde und ein Teil der Grünen mit ihren Vorstellungen von der Arbeiterklasse als Hindernis für umweltfreundliche Innovationen geleistet." Sie verdrängten die Tatsache, daß in den 70er Jahren einst die ArbeiterInnen selbst eine Bewegung gegen die krankmachenden Auswirkungen der Fabrik hervorgebracht hätten. Bittere Worte eines "angeschimmelten" Operaisten über die italienische Linke, die ihre Vergangenheit und ihre Analyseinstrumente mit weitem Schwung weggeworfen hat und deren Kult des Bewußtseins den Haß der Mittelschicht auf die Arbeiter durchscheinen läßt.
Fünf Jahre später, im November '94, war auf einer kleinen Konferenz, organisiert von den Zeitschriften Collegamenti/Wobbly und Per il '68 eine neue Entwicklung auszumachen: eine Rückbesinnung auf die Arbeiteruntersuchung und die Wiederaufnahme einer Diskussion, die durch die Repression 1979 ff. gewaltsam abgebrochen war.
Rechtzeitig zu diesem Termin gab es auch neue Veröffentlichungen, die die damaligen Initiativen in ihrer Widersprüchlichkeit und ihrem Experimentalcharakter darstellen - ohne die organisationsbedingten Verkürzungen. Auf der Konferenz berichteten GenossInnen, die schon Ende der 50er Jahre dabei waren, den "Jungen" von ihrer Praxis der "Arbeiteruntersuchung" in den Textilfabriken und in der Auto- und Elektroindustrie. Ein Diskussionsbeitrag verglich die Ausgangssituation Anfang der 60er Jahre mit der Situation heute und stellte mehrere Ähnlichkeiten fest:
Die damaligen Umwälzungen waren für eine kleine Gruppe von Sozialisten und Kommunisten, die theoretisch verunsichert waren und denen die überlieferten Ideologien zur Erklärung nicht ausreichten, Ende der 50er Jahre der Anstoß für eine grundlegende Untersuchungsarbeit.
Aber die Geschichte wiederholt sich nicht! Der wirtschafltiche Aufschwung bringt zwar eine Zunahme von potentieller Arbeitermacht, doch ist es nicht ausgemacht, daß daraus Kämpfe entstehen. Die Situation heute schreit danach, einen ähnlich radikalen Versuch der Neuorientierung zu versuchen, wie ihn die Militanten der Arbeiteruntersuchung damals angepackt haben. Nur so können wir die wirklichen Bedingungen der Ausbeutung in ihrer Konflikthaftigkeit begreifen und Potentiale für eine Veränderung entdecken.