Die Abstimmung wurde für den 14. Dezember anberaumt, es verblieben noch zwei Wochen für die Mobilisierung. Die aktuelle Situation in der Autoindustrie und auch in Zaragoza ließ aber wenig Raum für Illusionen über eine 'neue Welt' harmonischer Arbeitsbeziehungen.
Anfang Dezember erschien im manager magazin 12/94 der Artikel '
Die Situation des zunehmenden Arbeitsdrucks, wie er für Eisenach beschrieben wird, ist nicht untypisch. In der aktuellen Autokonjunktur versuchen die Unternehmer überall - ob mit oder ohne Gruppenarbeit - eine steigende Produktion ohne zusätzliche ArbeiterInnen zu erreichen. In derselben Zeit soll mehr produziert werden, die Arbeit beschleunigt und Poren im Arbeitstag mit Arbeit gefüllt werden. Wo das nicht reicht, werden Überstunden und Zusatzschichten angesetzt. Die Gruppenarbeit ist dabei nur das geschicktere Instrument, um den Druck zu erhöhen. 'Gelernt haben Werksleitung und Betriebsrat zudem, daß sich Arbeitsstandards leichter erhöhen lassen, wenn sich die Teams die Zwänge, denen sie gehorchen müssen, selber schaffen. Denn die Gruppe sitzt in der Falle: Sie soll selbstbewußt die Chance wahrnehmen, ihre Abläufe zu verbessern - und engt mit jeder kontinuierlichen Verbesserung ihre Selbständigkeit weiter ein. Denn Ziel ist es, jeden Leerlauf zu vermeiden, jede Pause mit wertschöpfenden Tätigkeiten auszufüllen. "Die Leute", so hat Lieske erkannt, "haben bald keine ruhige Minute mehr".' (ebd.)
In Zaragoza ist die Situation ähnlich. Für das neue Opel-Modell 'Tigra' ist ein neues Band aufgebaut worden, an dem vieles noch nicht klappt. Jede Woche stehen 1 500 Wagen in der Reparatur. Die angestrebte just-in-time-Zulieferung ist weit davon entfernt zu funktionieren: Immer wieder steht das Band wegen fehlender Teile. All das sollen die Arbeiter ausgleichen. In der Fertigmontage werden 'Freiwillige' für Überstunden gesucht - und gefunden, weil der Druck der drohenden Arbeitslosigkeit groß genug ist.
Sie machen jeden Tag vier (!) Überstunden, die eine Hälfte der ArbeiterInnen vor der üblichen Schichtzeit (Frühschicht 2 bis 14 Uhr, Spätschicht 10 bis 22 Uhr, Nachtschicht 18 bis 6 Uhr), die andere danach (Frühschicht 6 bis 18 Uhr, Spätschicht 14 bis 2 Uhr, Nachtschicht 22 b is 10 Uhr). Insgesamt wurden in den ersten zehn Monaten des Jahres 543 309 Überstunden gearbeitet. Damit wurde in vielen Fällen sogar gegen die in Spanien gesetzliche Beschränkung der Überstunden auf 80 pro Jahr verstoßen.
Ein schwerer Arbeitsunfall, der sich Ende November ereignete, verdeutlicht das Ausmaß der Belastung: Ein Arbeiter der Nachtschicht, der noch bis 10 Uhr Überstunden machte, vergaß vor dem Einbau des Airbag die Batterie abzuklemmen. Der Airbag ging los und schleuderte ihn gegen eine Säule, so daß er schwere Gesichtsverletzungen erlitt.
Eine wirkliche Opposition zu dieser Überstundenpolitik gibt es nicht. Lediglich die CC OO haben sie in einem ihrer Flugblätter erwähnt, aber keine Gewerkschaft macht etwas dagegen. Wie überall setzten die CC OO- und UGT-Betriebsräte auf Kooperation mit dem Management, um den 'Standort' zu erhalten. Als sie im November nach Bochum fahren, wo von Delegierten aus allen europäischen GM-Fabriken die Gründung eines europäischen GM-Betriebsrates beschlossen werden sollte, treffen sich die Betriebsräte mit dem Personalchef von Zaragoza. Er rät ihnen, sich mit 'den Engländern' gegen 'die Deutschen' zu verbünden, um so für ihre Standorte zu kämpfen. Er dürfte damit sehr viel wahrheitsgemäßer als die Gewerkschaftspropaganda dargestellt haben, was in diesen Europa-Betriebsräten tatsächlich abläuft: Organisierung der Konkurrenz zwischen den Belegschaften statt Koordinierung ihres Kampfs gegen die Bosse.
Wir hatten den Kollegen in Zaragoza den Artikel aus dem manager magazin zugeschickt und sie übersetzten den größten Teil ins Spanische und verteilten ihn in der Fabrik, zusammen mit der Aufforderung, bei der Abstimmung mit NEIN zu stimmen - während UGT, CC OO und uso für ein JA mobilisierten. Nur CGT und SIAR riefen zum NEIN auf. Kurz vor der Abstimmung wendet sich der Betriebsratsvorsitzende Bolea in einem Flugblatt noch einmal persönlich an die ArbeiterInnen: 'Am 14. geht es um einen Wechsel. Einen Wechsel zu mehr Sicherheit, Respekt und Freiheit in der Arbeit. Für ein demokratischeres und humaneres System, dessen gesamte Vorteile wir nicht erfahren werden, wenn es nicht fortgesetzt wird. Der Betriebsrat will eine soziale Umstrukturierung der Arbeit, eine philosophische und kulturelle Erneuerung. Es geht um keinen Vertrag, in dem Rechte und Pflichten festgelegt werden, sondern um ein Abkommen über Motivation und Zusammenarbeit...' usw.usw. Wie hieß es im Sammelblatt Nr. 14 so richtig: 'Worte und nochmals Worte, die nur den verwirren, der sich verwirren läßt.'
Eine knappe Mehrheit der ArbeiterInnen läßt sich durch den Wortschwall nicht beeindrucken - und bei denjenigen, die für die Gruppenarbeit stimmten, dürfte die Angst vor den Drohungen und der Arbeitslosigkeit ausschlaggebender gewesen sein als der Glaube an die 'philosophische' Erneuerung. Von 9 083 Wahlberechtigten beteiligen sich 6 100. Davon stimmen 2 886 mit JA, 3 007 mit NEIN, 207 geben leere oder ungültige Stimmzettel ab. Gefragt war: 'JA/NEIN zur änderung der Arbeitsorganisation durch die Einführung von Gruppenarbeit'. Der Betriebsratsvorsitzende behauptet in der Presse, diejenigen, die schon in der Gruppenarbeit sind, hätten mit JA gestimmt. Aus der abteilungsweisen Auflistung der Ergebnisse geht das Gegenteil hervor: Gerade in den Abteilungen mit Gruppenarbeit liegen die NEIN-Stimmen bei 50-60 Prozent. Deutliche Mehrheiten für die Gruppenarbeit gibt es nur bei den Angestellten und in der Werkzeugmacherei, Bereiche, die nichts mit der Gruppenarbeit zu tun haben.
Die Arbeiter werden nach diesem Abstimmungsergebnis von allen Seiten als dumm, konservativ und verantwortunglos beschimpft. Der Personalchef M rquez droht in der Presse: Bisher sei Zaragoza für die Konzernzentrale ein Modellbetrieb gewesen, in den investiert wird. Das werde jetzt schwieriger werden. Der Betriebsrat unterstellt den ArbeiterInnen, sie seien nur nicht ausreichend informiert gewesen und hätten die Gruppenarbeit nicht richtig verstanden.
Aber in der Fabrik sind viele ArbeiterInnen stolz darauf, es der Geschäftsleitung und dem Betriebsrat endlich mal gezeigt zu haben. Es herrsche eine gewisse Fröhlichkeit unter den Arbeitern, eine 'verhaltene Euphorie', sagen unsere Bekannten. Sicher, die Arbeiter sind auch realistisch: 'Wir haben nur eine Schlacht gewonnen, der Krieg geht weiter. Früher oder später werden sie es erreichen. Dann werden wir sehen, was wir tun können.'
Am folgenden Samstag tagt der Ausschuß der CC OO-Gewerkschaftsfraktion bei Opel. Ramon Gorriz ist extra aus Madrid angereist. Er ist besonders darüber irritiert, daß viele CC OO-Mitglieder an den Wahlurnen ganz offen NEIN angekreuzt haben, für jeden sichtbar. Er nennt das 'voto militante', das sei eine Provokation.
Der Betriebsrat erklärt den Arbeitern ihren 'Fehler': Sie bräuchten doch den Schutz des Betriebsrates, aber nach dem Ergebnis könne er sie nicht mehr vor Opel schützen. Jetzt komme die Gruppenarbeit zu viel schlechteren Bedingungen und daran seien die Arbeiter selber Schuld. In der Lackiererei hat sich eine Arbeitsgruppe, geführt von CC OO-Mitgliedern, auf eigenen Wunsch hin und gegen den Willen von Gorriz selber aufgelöst. In den anderen Bereichen warten die Arbeiter ab, was
Betriebsrat und Geschäftsleitung jetzt machen werden. Opel kündigt an, sie würden die Gruppenarbeit nun im Rahmen der Arbeitsgesetze einseitig einführen, und bedauert, daß auf diesem Weg die 'kulturelle Erneuerung' nicht zu erreichen sei.