Wieder eine Spur von Arbeitermacht?

Der Streik vom September '94 in den Buick-Werken von General Motors in Flint, Michigan, ist nicht der einzige Streik in der amerikanischen Automobilindustrie. Es ist aber der erste große Streik seit Jahren, der in kurzer Zeit erfolgreich war. Aber es gibt auch weiterhin jene erbitterten lange dauernden Verteidigungskämpfe von ArbeiterInnen, wie wir sie aus den 80er Jahren kennen.

Das Gesamteinkommen der ArbeiterInnen in den USA liegt auf dem Niveau der 60er Jahre; die Löhne und Gehälter sind noch stärker gefallen; dafür hat sich der Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung deutlich erhöht und die durchschnittliche Arbeitszeit lag Anfang der 90er Jahre bei knapp 50 Stunden in der Woche. Alle sind von dieser Tendenz betroffen - vom Ingenieur bis zur Verkäuferin. Die AutomobilarbeiterInnen standen und stehen nicht am unteren Ende der Skala. Jedenfalls alle die nicht, die direkt auf der Lohnliste der großen Drei stehen. Sie werden im allgemeinen von einer Gewerkschaft vertreten, haben Anspruch auf ein paar Tage Urlaub, auf Rente und Krankenversicherung. Die Gewerkschaftsbosse haben d ie Situation durch Übernahme der Firmen-Vorschläge in die Tarifverträge 'gerettet': Flexibilisierung, Schichtarbeit, Erhöhung des Arbeitstempos, zweigleisiges Lohnsystem. Das letztere meint, daß Neueingestellte weniger Geld und soziale Sicherheit kriegen. Noch im September letzten Jahres, also schon im Aufschwung der Automobilkonjunktur, hat die UAW einer Senkung des Anfangslohns auf 70 Prozent (100 Prozent nach drei Jahren) zugestimmt. Die IUE (Electronic Workers) erlaubt GM in einem Zulieferwerk gar, die Leute für 55 Prozent des normalen Lohns einzustellen (100 Prozent nach 12 Jahren).

Darüber hinaus haben die Automobilkonzerne bestimmte Teile der Produktion und der Belegschaften aus dem relativen Hochlohnbereich herausgezogen: durch Verkauf von Komponenten-Fabriken, durch Beschäftigung von Zeitarbeitern, durch Verlagerung von Fabriken vor allem nach Mexiko. Im Prinzip kennen wir das alles auch hierzulande, aber diese Entwicklung war in den usa umfassender und brutaler. Mehr als 300 000 Arbeitsplätze haben auf diese Art und Weise allein in der Automobilindustrie ihren Ort und/oder ihre Form gewechselt. gm hat seit 1986 keinen einzigen Produktionsarbeiter oder Produktionsarbeiterin mehr neu eingestellt und dabei 150 000 Arbeitsplätze abgebaut.

Gegen diese Entwicklungen gab es vereinzelten Widerstand. Die neuen Methoden der Arbeitsabpressung, die vor allem in den sogenannten Transplants (Gemeinschaftsfabriken von amerikanischen und japanischen Autofirmen) erprobt wurden, ließen sich nicht überall reibungslos durchsetzen. Im kanadischen CAMI-Werk (GM/Suzuki) in Ontario setzten die ArbeiterInnen im Oktober '92 neben höheren Löhnen auch durch, daß das Anhalten des Bandes mittels des Andon-Seiles nicht mehr bestraft werden darf. Auch im Norden Mexikos, wo die Kapitalisten billige und willige Arbeitskraft gefunden zu haben glaubten, gab es Streiks, Fabrikbesetzungen und Versuche, unabhängige Gewerkschaften aufzubauen. In den USA kam es in der weltberühmten Musterfabrik für Gruppenarbeit NUMMI (GM/Toyota) am 3. August '94 zum ersten Streik - gegen die weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit durch Zehn-Stunden-Schichten und Wochenendarbeit. Und dies gerade zu dem Zeitpunkt, als amerikanische Arbeitswissenschaftler den Erfolg der 'harmonischen Arbeitsbeziehungen' bei NUMMI festgestellt hatten!

Ein indirektes Indiz für die langsame Änderung der Stimmung ist der zunehmende organisatorische Erfolg einer wohl als sozialdemokratisch zu kennzeichnenden Strömung in den Gewerkschaften. Diese Strömung kämpft gegen allzu freches Selbstbedienen der alten Bonzen (für 'Gewerkschaftsdemokratie') und gegen allzu offensichtliche Zusammenarbeit mit den Kapitalisten 'im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit' (jointism) - weil klar ist, daß so die Gewerkschaften nicht zu retten sind, deren Organisationsgrad ohnehin auf das Nachkriegstief von 16 Prozent gesunken ist. Neben einigen kleineren Industriegewerkschaften, die schon seit längerem ganz zu dieser Strömung zu rechnen sind (OCAW - Öl, Chemie und AtomarbeiterInnen; UE - Elektriker u.a.), hat sie vor allem in den beiden größten Gewerkschaften Einfluß gewonnen: bei den Teamsters stellt sie zur Zeit den Präsidenten, in der UAW hat sie unter anderem die Mehrheit im Local 599 in Flint, Michigan.


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