Was können wir beim Zuhören der Stimmen des Aufstandes in Chiapas lernen? Sie haben Vorschläge gemacht, über die wir nachdenken sollten, kein spezifisches Modell entwickelt, das nachgeahmt werden könnte. Die neuen organisatorischen Formen, die wir in Aktion gesehen haben, sind kein Ersatz für alte Formeln - leninistische oder sozialdemokratische. Sie bieten etwas anderes: sie inspirieren mit ihrem Beispiel funktionierende Lösungen auf die Frage, wie post-sozialistische revolutionäre Organisationen und Kämpfe aussehen können.
Die Anstrengungen der Zapatistas in Chiapas und der Anti-NAFTA-Netzwerke, die die Grundlage für ihre Zirkulation legten, zeigen, wie Organisation lokal, regional und international in einer Vielfalt von Formen funktionieren kann. Diese Vielfalt wird genau in dem Maße effektiv sein, wie die Aktiven ein Gewebe der Zusammenarbeit knüpfen, um die (oft sehr unterschiedlichen) materiellen Ziele der verschiedenen Beteiligten zu erreichen.
Wir wissen schon lange, daß es sehr gefährlich ist, wenn eine bestimmte Organisation den Prozeß der Organisierung ersetzt. Diese Lektion haben wir auf die harte Art im Kampf zuerst für und dann gegen Gewerkschaften und sozialdemokratische und revolutionäre Parteien gelernt. Was wir von den Zapatistas hören, und was wir in ihrer Interaktion mit anderen Gruppen sehen, ist eine Struktur der Kooperation zwischen den unterschiedlichsten Arten von Leuten aus der ganzen internationalen Lohn- und Einkommenspyramide. Diese Struktur ist nicht auf einmal aus dem Blauen heraus entstanden; daran ist seit einigen Jahren gebastelt worden. Dabei sind sicher viele Drähte gebrochen, haben sich viele Fäden verwirrt oder mußten neue Schlingen geknüpft werden, um die zu ersetzen, die nicht hielten.
Die SprecherInnen der EZLN haben uns Andeutungen über ihren Anteil an dieser Arbeit gemacht. Hoffentlich wird mit der Zeit mehr über diese Geschichte bekannt werden. Und wir müssen herausfinden, was und wie Andere dazu beigetragen haben.
Heute ist die mexikanische Gesellschaft wie von einem Erdbeben erschüttert. Jeder Tag bringt Berichte über Menschen, die zur Aktion übergegangen sind. Von der EZLN vollkommen unabhängige Menschen haben die Kampfesrufe aufgenommen und besetzen Regierungsgebäude, blockieren Banken, besetzen Land und verlangen Libertad. StudentInnen und ArbeiterInnen wurden dazu angeregt, nicht nur 'die Bauern zu unterstützen', sondern ihre eigenen Streiks in der gesamten gesellschaftlichen Fabrik Mexikos durchzuführen.
Ihr habt eine Sammlung der Worte in den Händen, die alle diese Bewegung in Gang gebracht haben. Lest sie aufmerksam. Hört auf die Stimmen. Und habt keine Angst davor, eure eigenen dem wachsenden Tumult hinzuzufügen. Diese Stimmen aus den Bergen des mexikanischen Südosten sagen uns zumindest dies: eine Vielfalt von Stimmen kann zu Zusammenhalt führen - und der Zusammenhalt zur Aktion, die die Welt verändern kann.
Austin, Texas, 22.6.94