Die Zirkulation der Kämpfe

Wenn wir uns die landläufigen Reaktionen auf den Aufstand in Chiapas anschauen, wird schnell klar, warum die mexikanische Regierung in der Behandlung der Situation einen Schwenk vollzog. Ihre Befürchtungen erwuchsen aus der sehr rasch anwachsenden Unterstützung für die EZLN und die Gemeinden, die sie repräsentiert.

Vom allerersten Tag an, als die Nachrichten vom Aufstand durch die Medien gingen und Einzelheiten über Computer-Netzwerke zirkulierten, hörten die Menschen auf die Worte der Kriegserklärung der EZLN, sympathisierten mit ihnen und fingen an, gegen die Repressionsmaßnahmen der Regierung zu mobilisieren. Als die mexikanische Armee in Chiapas einfiel, folgten ihr VertreterInnen von Menschenrechtsorganisationen, Leute von anderen indigenen Völkern und freie ausländische Journalisten, die die Regierung nicht kontrollieren konnte. In wenigen Tagen meldeten diese BeobachterInnen Greueltaten und Repressionsmaßnahmen der Armee. Andere organisierten Protestdemonstrationen überall in Nordamerika, selbst in Europa, um die mexikanische Regierung anzuprangern. Diese Aktionen stärkten die Zapatistas und zwangen die Regierung an den Verhandlungstisch.

Die enorme Ausbreitung von Unterstützung in der Bevölkerung und die Bereitschaft, in Unterstützung dieses Aufstandes aktiv zu werden, muß ihrerseits erklärt werden. Wie oben schon bemerkt, ist diese Welt voll von Widersprüchen und Konflikten; es hat viele Aufstände gegeben, die diese Art Reaktion nicht hervorrufen konnten. Was war anders in Chiapas?

Ich denke, die Antwort hat zwei Ebenen. Erstens gab es durch die jahrelange Mobilisierung gegen die NAFTA bereits ein internationales Netzwerk, das willens und in der Lage dazu war, schnell zu reagieren. Zweitens war der Aufstand in Mexiko selbst bei weitem nicht so isoliert, wie es schien.

Der Kampf gegen den Handelspakt lief die Form wachsender Koalitionen von Basisgruppen in Kanada, den Vereinigten Staaten und Mexiko. In jedem Land bildeten sich durch das Zusammenwirken von einigen hundert Anti-NAFTA-Gruppen breite Koalitionen wie das Mexikanische Aktions-Netzwerk zum Freihandel. Das Zusammenwirken erwuchs zum Teil durch gemeinsame Diskussionen, zum Teil durch den Austausch von Informationen und Analysen über die Bedeutung und Auswirkungen der Vereinbarung. Immer mehr wurde die Kommunikation per Computer zum politischen Instrument, um sich sehr schnell zwischen Gruppen und Einzelpersonen austauschen zu können.

Dieser Kommunikationsprozeß vernetzte die Koalitionen der einzelnen Länder auf eine Art und Weise, die in der westlichen Hemisphäre ohne Beispiel ist. Das Ergebnis war eine neue Organisationsform - eine Vielfalt von sowohl lokal als auch international über ein untergründiges Wurzelgeflecht verbundenen Gruppen - die Beziehungen zwischen bislang vereinzelten und unverbundenen Kämpfen jeder Art in Nordamerika herstellte.

Die offensichtlich Betroffenen (ArbeiterInnen in den USA, denen der Verlust ihres Jobs durch die Verlagerung von Fabriken nach Mexiko drohte; MexikanerInnen, die besorgt waren über den Einmarsch des US-Kapitals) schlossen sich mit anderen zusammen, die diese kapitalistische Neuordnung der Handelsbeziehungen als indirekte Bedrohung empfanden, wie Umweltaktivisten, Frauengruppen, Menschenrechtsorganisationen und natürlich Organisationen von indigenen Gruppen auf dem ganzen Kontinent. Die Anti-NAFTA-Bewegung konnte zwar nicht die Ratifizierung des Abkommens verhindern, doch sie hat weiterhin die Folgen des Abkommens beobachtet, um Kämpfe dagegen zu erleichtern mit dem Ziel, das Abkommen zu Fall zu bringen.

Als dann die Zapatistische Armee in San Crist¢bal und die anderen Städte in Chiapas einmarschierte, reagierten nicht nur die Gruppen schnell, die sich bereits mit den Kämpfen der indigenen Völkern beschäftigten, sondern auch der wesentlich größere Verbund der Anti-NAFTA-Kämpfe. Computerkonferenzen und Listen von Anti-NAFTA-Koalitionen waren schon eingerichtet. Viele erhielten die ersten Informationen über die Kämpfe über die regelmäßigen Postings im NAFTA-Monitor 'trade.news' oder 'trade.strategy' im Peacenet oder über Internet. Obwohl die EZLN-SprecherInnen NAFTA nicht ausdrücklich verurteilten und ihre Offensive auf den Tag des Inkrafttretens in Mexiko legten, wurde der Zusammenhang im ganzen Anti-NAFTA-Netzwerk verstanden.

Daneben gab es in Mexiko einen ganzen Bereich von selbstorganisierten Netzwerken, die nur teilweise mit der Anti-NAFTA-Bewegung zusammenfielen: die der Campesinos und indigenen Völker.

Auch sie hatten, außerhalb der ezln und weit jenseits von Chiapas, Netzwerke der Zusammenarbeit hervorgebracht, um für die Dinge zu kämpfen, die sie brauchen: Schulen, Trinkwasser, die Rückgabe ihres Landes, Freiheit von staatlicher Unterdrückung (Folter durch Polizei und Armee, Verhaftungen, Morde) usw. Aufgrund der leidenschaftlichen Autonomie der beteiligten Communities, die manchmal auf einer traditionellen ethnischen Kultur und Sprache beruhen, haben diese Netzwerke wie das oben beschriebene elektronische Netz funktioniert: horizontal und nicht-hierarchisch.

Diese Entwicklung hat sich über mehrere Jahre hinweg beschleunigt, und zwar nicht nur in Mexiko, sondern in beiden Teilen des amerikanischen Kontinents und darüber hinaus. Zum Teil inspiriert durch das Beispiel der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in Nordamerika Mitte der 60er Jahre (bzw. den Aufstieg der Indianerbewegung) zum Teil aufgrund der andauernden Angriffe auf ihr Land mit Rückendeckung des Staates in Süd- und Mittelamerika (z.B. die Einzäunung des Amazonas), haben indigene Völker die räumlichen und politischen Spaltungen überwunden, die sie isoliert und geschwächt hatten.

1990 wurde die erste kontinentale Konferenz indigener Völker in Quito, Ecuador, organisiert. Delegierte von über 200 indigenen Nationen initiierten eine Bewegung zur kontinentalen Vereinigung. Auf dem folgenden Treffen 1991 in Panama wurde zur Aufrechterhaltung dieses Prozesses eine Kontinentale Koordinierungskommission der indigenen Nationen und Organisationen (conic) gebildet. Die Einheit, die erreicht werden sollte, war nicht die einer politischen Partei oder einer Gewerkschaft - gestärkt und verewigt durch eine zentrale Verwaltung - sondern die Einheit der Kommunikation und gegenseitigen Nothilfe zwischen autonomen Nationen und Völkern.

Eine zweite kontinentale Konferenz wurde im Oktober 1993 in Temoaya, Mexiko, organisiert. Zu den Teilnehmergruppen gehörte die Frente Independiente de Pueblos Indios (fipi), deren eines Mitglied, die Coordinadora de Organizaci¢nes en Lucha del Pueblo Maya para su Liberaci¢n, aus San Crist¢bal, Chiapas, gekommen war.

Angesichts der blutigen Gewalt der Gegenoffensive des mexikanischen Militärs bat die fipi über die conic darum, daß andere IndianerInnen aus dem Netzwerk als Beobachter nach Chiapas kommen sollten, um die gewalttätige Staatsmacht zu bremsen. conic reagierte umgehend und organisierte internationale Delegationen in die Kampfgebiete. Als sie in Chiapas eintrafen, wurden sie von den örtlichen VertreterInnen des Consejo Estatal de Organizaci¢nes Indigenas y Campesinas empfangen - eine Verbindung von 280 indigenen und Bauernorganisationen im ganzen Land.

Dies kann eine Ahnung davon geben, wie es möglich war, daß ein solch kleiner Aufstand in einem so isolierten Teil Mexikos eine derart starke Unterstützung in der Bevölkerung hervorrufen und einer unwilligen Regierung und politischen Elite undenkbare Konzessionen abringen konnte. Für ein umfassenderes Verständnis wäre natürlich eine Untersuchung über die Geschichte all derer Voraussetzung, die an den Mobilisierungen beteiligt waren, nicht nur der Indigenen und der Anti-NAFTA-Militanten. Egal aus welchen Bewegggründen diese Zuhörer mit ihren Reaktionen diesen Kampf weitergetragen haben - wir waren Zeuge eines faszinierenden Prozesses, in dem die Stimmen einer relativ kleinen Zahl von sehr kreativen und entschlossenen RevolutionärInnen immer weiter und weiter verstärkt worden sind, bis die ganze Welt sie hören konnte.


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