Die zweite EZLN Botschaft betrifft die Schlußfolgerungen, die sie aus ihrer politischen Erfahrung gezogen haben, und ihren politischen Vorschlag für die Zukunft Mexikos. Während sich ihre detaillierte Ablehnung der Entwicklung vertraut anhört, sind ihre positiven Vorschläge neuartig und faszinierend. Ihr 'Wind von unten' bringt neue Ideen, die wir beachten sollten, ein echtes Geschenk in einer Zeit, in der die gewöhnlichen Politiker völligen Phantasiemangel demonstrieren, die linken ebenso wie die rechten.
Erstens unterschied sich EZLN politisch vom Anfang ihrer Offensive an scharf von den früheren Guerillabewegungen in Mittelamerika (z.B. den Sandinisten oder der URNG) und anderswo (z.B. die Tupamaros); die leninistischen Kampfziele wie 'Machtübernahme', 'Diktatur des Proletariats', 'internationaler Kommunismus' und 'all dies' lehnte sie ausdrücklich ab.
Hören wir auf Major Benjamin: 'Wir sind weder Maoisten noch Marxisten. Wir sind eine Gruppe von Campesinos, Arbeitern und Studenten, denen die Regierung keinen anderen Weg gelassen hat, um unsere ererbten Probleme zu lösen, als zu den Waffen zu greifen.' Hören wir Marcos: 'In der Bewegung der EZLN gibt es keine fest definierte Ideologie im Sinne von Kommunismus oder Marxismus-Leninismus.' 'Gekommen ist nicht ein [Partei-] Kern, nicht ein Guerilla-Focus; gekommen ist, was ihr euch niemals habt träumen lassen: die Wahrheit'.
Auch wenn ihre Armee eine typisch hierarchische Kommandostruktur hat, scheinen die Zapatistas eine neue politische Synthese entwickelt zu haben, die ihre Aktionen einem aus lokalen Traditionen entwickelten Rahmen kollektiver und demokratischer Entscheidungsfindung unterwirft. Strategische Fragen werden nicht der Armee überlassen, sondern müssen auf Gemeindebene entschieden werden.
Die Kommuniqués der Zapatistas werden gewöhnlich mit Geheimes Revolutionäres Indigenes Komitee - Generalkommando (ccri-cg) unterzeichnet - offensichtlich ein Rat aus indigenen FührerInnen. Aber hinter dem 'Generalkommando' steht eine unbekannte Anzahl von Geheimkomitees (offensichtlich haben vier Komitees, die die vier ethnischen Gruppen vertreten, Delegierte zu den Friedensverhandlungen geschickt) und hinter diesen stehen die Gemeinden.
Wie aus dem Ausgang der ersten Verhandlungsrunde zwischen der EZLN und der mexikanischen Regierung hervorgeht, trägt die EZLN grundlegende strategische Punkte zurück in die lokalen Gemeinden, damit gemeinsam beraten und über das weitere Vorgehen diskutiert werden kann. Laut SprecherInnen der EZLN sind diese Beratungen sehr weitreichend, sie umfassen Jeden und Jede, so daß alle die Ergebnisse als einen gültigen Ausdruck ihrer gemeinsamen Wünsche betrachten. Es sieht so aus, als ob die EZLN ihre eigenen Worte wirklich mit einschließt: 'Der Wille der Mehrheit ist der Pfad, auf dem die BefehlshaberInnen gehen sollten. Wenn ihre Schritte den Pfad des Willens des Volkes verlassen, sollte das Kommandozentrum ausgetauscht werden durch ein anderes, das gehorcht.'
Zweitens bedeutet solch ein demokratischer politischer Prozeß den Aufschwung eines neuen politischen Projektes: Autonomie - eine demokratische Autonomie für alle Ebenen der mexikanischen Gesellschaft, für Regionen, für die indigene Bevölkerung, für Bauerngruppen, für ArbeiterInnen, für StudentInnen, für Frauen, für Städte, für Regionalregierungen usw. Es gibt da keinen utopischen Plan für die Konstruktion solch einer Autonomie, der Vorschlag ist ein prinzipieller, es geht um die Richtung der Bewegung. 'Diese neue Stimme ... 'konspiriert' für eine neue Welt, so neu, daß sie nur eine Ahnung im kollektiven Herzen ist, das davon inspiriert wird.' Aber: 'Wenn der Sturm sich legt, wenn Regen und Feuer das Land wieder in Ruhe lassen, wird die Welt nicht mehr diese Welt sein, sondern etwas Besseres.'
Was dies bedeutet, wird zum Teil klar aus den Forderungen der EZLN. Sie verlangen die Entlassung korrupter Lokalverwaltungen und die Berufung demokratisch gewählter Führer. Ihr 'Agrargesetz' gebietet die Rückgabe von bebaubarem Land an die Indigenen und armen Bauern, damit sie eine materielle Basis haben, um ihr eigenes Leben und ihre Kultur zu organisieren. Darüber hinaus sollen die Wälder, die Flüsse, die Ozeane und Bodenschätze von der Ausbeutung durch kapitalistische Firmen und Regierungsmonopole befreit und den lokalen Bevölkerungen zurückgegeben werden (zum Teil zum Gebrauch, zum Teil zur ökologischen Erhaltung - ja, das betonen sie ausdrücklich). Sie verlangen das ungehinderte Recht auf Rückkehr für alle, die aus ihren Gemeinden vertrieben worden sind (z.B. aus religiösen Gründen), damit sie auf ihre Art leben können. Sie unterstützen den örtlichen Gebrauch der indigenen Sprachen und die Neuordnung der Ausbildung (z.B. die Zweisprachlichkeit) und des Gesundheitswesens (z.B. Gesundheitsvorsorge, Respekt vor indigenen Methoden). Ihre 'Autonomie' scheint kompliziert zu sein, aber sie ist eher pluralistisch, als der Pseudo-Pluralismus, den wir im Norden ausreichend kennen, oder irgendeine Form von sezessionistischer Eigenentwicklung.
Diese Forderungen wurzeln in der Eigenaktivität der indigenen Menschen und Gemeinden, die die EZLN bilden. Sie haben dem Reiz der kapitalistischen 'universellen Werte' (Arbeit, Geld, Markt) widerstanden zugunsten von klaren, aber auch entwicklungsfähigen Konzepten über das, was sie sind und wie sie leben wollen. Die direkte Demokratie ihrer Entscheidungsfindung ist ein Teil davon, aber es geht um viel mehr.
Augenfällig, weil oft wiederholt, ist, daß diese Leute ihre Wurzeln auf dem Land sehen. Sie wollen nicht einfach Land als Ressource zur Produktion von Exportgetreide, sondern weil ihre milpas, (die Arbeit ihrer Kultivierung und die Nahrungsmittel, die sie liefern), der Dreh- und Angelpunkt ihrer Kultur seit tausend Jahren sind.
Weil die VertreterInnen der EZLN keine Soziologen oder Anthropologen sind, geben sie uns keine erschöpfende Beschreibung der verschiedenen indigenen Kulturen, und noch weniger detaillierte Analysen über die komplexen Gemeinden derer, die aus religiösen, ökonomischen oder politischen Gründen in die neubesiedelten Gegenden eingewandert sind. Aber sie erzählen uns genug, um zu verstehen, daß diese Gemeinden keine stagnierenden kulturellen Überbleibsel einer traditionsreichen Vergangenheit sind. Im Gegenteil, auch dort, wo die Menschen für Veränderung kämpfen und sich um neue Identitäten bemühen, scheint ihre Verpflichtung auf Autonomie stark. Ein Beispiel dafür mag die Unterstützung der EZLN für die Kämpfe der Frauen gegen die traditionellen patriarchalischen Verhaltensweisen sein.
Die patriarchalische Struktur der mexikanischen Gesellschaft ist wohl bekannt; die der Campesino- und indigenen Gemeinschaften weniger, aber sie ist genauso real. Bei Entscheidungen in der Familie bestimmten Männer generell über das Einkommen und setzen sich manchmal mit körperlicher Gewalt durch. Frauen haben oft keine oder wenig Mitspracherechte bei der Wahl des Ehemannes, bei der Anzahl der Kinder oder, wieviel Hausarbeit sie ohne Hilfe der Männer leisten müssen.
Aber solche Bedingungen schaffen starke Frauen - wenn sie die Frauen nicht umbringen - und die haben die traditionelle Rollenverteilung in Frage gestellt. Diese Herausforderung hat Unterstützung in der EZLN gefunden. Frauen werden nicht nur ermutigt, sich der EZLN anzuschließen, sondern sie werden auch gleich behandelt, bis dazu, daß viele Frauen Offiziere sind und von Frauen und Männern die gleiche Arbeit und der gleiche Einsatz im Kampf erwartet wird.
Befragt nach der Geschlechterpolitik in der Organisation und in den Gemeinden, auf die sich die EZLN stützt, bestätigte Marcos, daß der Kampf der Frauen gegen das Patriarchat offiziell unterstützt wird. Dies beinhaltet nicht nur eine Neuverteilung von Verantwortung und Arbeit und den Schutz der Frauen vor Belästigung und Mißbrauch, sondern auch materielle Hilfe in der Gesundheitspflege und Geburtenkontrolle. Die EZLN hat Sexualaufklärungskurse über Hygiene und Krankheiten organisiert, speziell über Frauenkrankheiten (z.B. Harnwegsinfekte), die von Männern nicht verstanden oder falsch interpretiert werden. Die Organisation klärt auch über Verhütungsmittel auf und unterstützt ihren Gebrauch. Darüber hinaus erklärte Marcos: 'Die Genossin hat nicht nur das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, sondern die Organisation hat auch die Pflicht, die Mittel bereit zu stellen, daß sie dies gefahrlos tun kann.'
Als sich indigene Frauen in Dutzenden von Gemeinden organisierten, um einen Kodex der Frauenrechte zu verfassen, übernahm die Führung - das ccri-gc - den Kodex einstimmig. Das 'Frauengesetz' umfaßt das Recht der Frauen auf die Kontrolle über ihren eigenen Körper, politische Betätigung, Gesundheitsfürsorge und Freiheit vor Gewalt und Vergewaltigung. Einem Bericht zufolge spottete ein männliches Komiteemitglied: 'Das Gute ist, daß mein Weib kein Spanisch versteht.' Darauf erwiderte ein EZLN- Offizieller: 'Jetzt bist du gefickt, weil wir es nämlich in die [indigenen] Sprachen übersetzen werden.' Diese Grundrechte zeigen deutlich das Engagement der EZLN für weitgehende Geschlechterautonomie innerhalb der verschiedenen indigenen Kulturen von Chiapas.
Als er über die Probleme und Rechte von Schwulen befragt wurde, sagte Marcos, daß die Position der EZLN dieselbe ist wie bei Frauen und anderen 'Minderheiten'. Wenn sie ebenfalls anfangen werden zu sagen 'Genug ist genug' und für ihre Rechte kämpfen, dann werden sie auch von der Organisation unterstützt werden. Das Ungewöhnliche und Aufregende ist, daß diese Kämpfe nicht marginalisiert oder 'Klasseninteressen' untergeordnet werden, sondern als integraler Bestandteil eines allumfassenden Projekts der politischen Autonomie akzeptiert werden. Unter den 34 Punkten, die die EZLN der Regierung in der ersten Phase der Verhandlungen vorlegte, war der längste die Petition der indigenen Frauen, die spezifische Frauenforderungen auflistete.
Der dritte und vielleicht deutlichste Hinweis, wie ernst sie ihren Begriff von Autonomie nehmen, ist, daß sie ihren Vorschlag lediglich verstehen als einen unter vielen, von denen sie hoffen, daß sie in der ganzen mexikanischen Gesellschaft entstehen werden. Sie weisen die Vorstellung zurück, sie hätten alle Antworten, sie fänden die Lösung auf alle Probleme.
Hört: 'Wir haben klargemacht, und das werden wir immer wieder erklären, daß wir keinen Prozeß anführen können, der alle Probleme Mexikos löst.' Daher ihre wiederholte und hartnäckige Forderung, daß die Politik dem Staat und den politischen Parteien entrissen werden und in der Gemeinde als Ganze neu entstehen muß.