Die Ablehnung der Entwicklung

Im Norden wird der Begriff 'Entwicklung' selten benutzt, gewöhnlich für Pläne zur Umstrukturierung der Beziehungen zwischen armen Gemeinschaften und der Ökonomie um sie herum (z.B. Gemeindeentwicklung, Stadtentwicklung). Aber im Süden ist 'Entwicklung' die anerkannte Rahmenbedingung seit der Niederlage des direkten Kolonialismus. Ein wesentlicher Bestandteil der Auseinandersetzungen während des Kalten Krieg waren die rivalisierenden 'Entwicklungs'-Strategien, d.h. wie 'unterentwickelte' Regionen oder Länder sich so 'entwickeln' könnten, daß sie Teil der 'entwickelten Welt' würden.

Seit dem Beginn der EZLN-Offensive benutzten staatliche Stellen und unabhängige Schreiber immer wieder den Ausdruck 'die zwei Nationen', um die Situation in Chiapas zu kommentieren. Die zwei Nationen sind natürlich das eine Mexiko, dessen Wachstum durch das nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) angespornt wird, und el otro Mexico, das altmodisch und rückständig ist. Wie immer wird als Lösung 'Entwicklung' vorgeschlagen. Innerhalb eines Monats nach der EZLN-Offensive und nach der politischen Niederlage des militärischen Gegenangriffs, gründete die mexikanische Regierung eine Nationale Kommission für integrale Entwicklung und soziale Gerechtigkeit für die indigenen Völker und versprach dem Gebiet mehr Entwicklungshilfe zur Ausweitung der Investitionen, die während des vorangegangenen Entwicklungsprojektes Solidaridad getätigt worden waren. Am 27. Januar wurde darüberhinaus angekündigt, daß diese regionalen Entwicklungsbestrebungen (und andere in ähnlich 'rückständigen' Staaten) mit Weltbankkrediten in Höhe von 400 Millionen Dollar unterstützt würden - Kredite, die die bereits schwindelerregende internationale Verschuldung Mexikos, die im Zentrum des mexikanischen Klassenkampfs seit den frühen 80er Jahren steht, noch vergrößern werden.

Die Erwiderungen der EZLN auf diese Vorschläge drücken die Erfahrungen der mexikanischen Campesinos und der indigenen Bevölkerungen aus - sie denunzieren diese Entwicklungspläne als einen weiteren Schritt zur kulturellen Assimilierung und ökonomischen Vernichtung. Sie stellen heraus, daß es niemals 'zwei Nationen' gegeben hat; die Chiapanecos haben sich seit 500 Jahren innerhalb der kapitalistischen Entwicklung abgeplagt, sie sind nur immer unten gehalten worden.

In ihrer Kriegserklärung schreibt die EZLN: 'Wir benutzen Schwarz und Rot in unserer Uniform als Symbol für unser arbeitendes Volk im Streik'. In anderen Worten, die zapatistische Ablehnung der Entwicklung drückt die Verweigerung der kapitalistisch aufgezwungenen Arbeit aus. (Es überrascht nicht, daß der staatliche Unterhändler Manuel Camacho Solis schon frühzeitig nicht nur zur Beendigung der Kampfhandlungen, sondern auch zur 'Rückkehr an die Arbeit' aufrief.)

Die indigene Bevölkerung weiß auch, daß weitere 'Entwicklung' die Fortsetzung ihrer Vertreibung vom Land bedeutet, die sowohl während der wirtschaftlichen Boomjahre (z.B. Öl- und Wasserenergieboom der 70er Jahre) als auch zu Rezessionszeiten (z.B. Schuldenkrise/Sparpolitik der 80er Jahre) stattgefunden hat. Zu Lohnempfängern herabgesetzt, haben sie manchmal von dem durch Staatsausgaben finanzierten Wirtschaftsaufschwung profitiert. Aber als beim nächsten Abschwung alles wieder futsch war, haben sie auch entdeckt, wie vergänglich solche Gewinne sind.

Zu den besten Zeiten ist das steigende Einkommen ungleich verteilt, was Ungleichheiten verstärkt bis zu dem Punkt, daß Gemeinden auseinanderbrechen. Schlimmer noch, 'Entwicklung' kann bedeuten, daß sie eine Rolle spielen müssen, die die eingeborenen Amerikanern in den usa allzu gut kennen: Attraktion innerhalb der Tourismus-Industrie sein - eine Strategie für Gegenden mit 'primitiven' Völkern, die Vorteile aus der exotischen Kultur ziehen will. Ein EZLN-Sprecher formulierte, daß die Regierung die indigene Bevölkerung lediglich als 'anthropologische Objekte, touristische Kuriositäten oder als Teil eines Jurassic Park' betrachtet.

Aber Salinas und Clinton haben versprochen, daß NAFTA den US-Markt für mexikanische Exporte öffnet; Mexiko wird sich schneller entwickeln. Die EZLN begreift auch das nur zu gut. Chiapas ist bereits eine exportorientierte Wirtschaft. Das war sie auch immer: 'Chiapas verliert Blut aus vielen Adern: durch Öl- und Gasleitungen, Stromkabel, Eisenbahnwaggons, Banknoten, Lastwagen und Transporter, Schiffe und Flugzeuge, über geheime Pfade, Löcher und Waldwege.'

Die EZLN hat auch begriffen, wie NAFTA Mexiko für US-Exporte öffnet. Die größte Bedrohung geht dabei vom Mais aus, dem Hauptanbauprodukt der indigenen Bevölkerung, das eine wichtige Quelle zum Geldverdienen ist. Sie leiden bereits unter niedrigen Kaffeepreisen (einem anderen Produkt, das Geld bringt), weil die Regierung dafür alle Subventionen gestrichen hat. Wie alle Bewohner Chiapas wissen sie, daß Exportentwicklung ökologische Zerstörung bedeutet, insbesondere Abholzung des Waldes. Ihre Entwicklungsfeindlichkeit kommt also nicht aus einer übersteigerten Phantasie oder einer sterilen Ideologie, sondern aus bitterer Erfahrung.


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