Die hier gesammelten Stimmen und Texte stammen vorwiegend von der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee (EZLN), der Armee, die am 1. Januar 1994 die Welt aufgeschreckt hat durch die Besetzung von vier Städten in Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat Mexikos.
Die EZLN hat sich unter einigen der ärmsten Menschen der Welt organisiert. Ihre Zusammensetzung ist fast so mannigfaltig wie die Welt, zu der sie spricht. Ihre Soldaten kommen aus den Wäldern, von den Bergen, aus den kleinen Städten der Region; sie setzen sich sowohl aus der indigenen als auch der vielsprachigen Maya-Bevölkerung und aus ImmigrantInnen von Zentral- und Nordmexiko zusammen. Ihre Soldaten waren Subsistenzbauern und landlose LohnarbeiterInnen; sie haben ihr Exportgetreide selbst angebaut und vermarktet und sie haben auf den Plantagen und Ranches anderer gearbeitet. Sie haben ihre milpas [Parzellen] auf steinigen Abhängen kultiviert und zeitweise Arbeit in der Stadt gesucht. Sie haben sich als ungelernte ArbeiterInnen und HandwerkerInnen gequält. Ganz wenige von ihnen sind Intellektuelle, deren Ideale und Hoffnungen sie vor einem Jahrzehnt in das Gebiet gezogen haben.
Für uns außerhalb dieser Bewegung dienen diese berufslosen Intellektuellen als Vermittler, die uns helfen, die übergeordneten politischen Entwicklungen zu verstehen, aus denen die EZLN kommt und in denen sie immer noch operiert. Sie haben viele der Kommuniqués verfaßt und dienen als öffentliche Stimme sowohl für die Armee als auch für die größere Community. Sie sprechen unsere Sprache und sprechen zu uns in Worten, die uns geläufig sind. Wir können sie leicht verstehen, weil ihr Diskurs der Form nach unseren westlichen politischen Traditionen entspricht.
Allerdings sind die Worte, die sie sprechen und die Art und Weise, wie sie sie gebrauchen, Übersetzungen aus anderen Worten und Debatten, die in anderen, viel weniger geläufigen Sprachen und Lebensweisen wurzeln: den unterschiedlichen Maya-Kulturen der Region. Zu unserem Glück sind die Zapatisten sehr selbstbewußte Redner und reden sie oft über ihre Art zu reden, so daß wir die Worte verstehen, die aus ihrem Munde zu uns gelangen. Es sind die Worte derer, die vor uns zu den Leuten in Chiapas gegangen sind, es sind die Stimmen von Menschen, die gelernt haben zuzuhören.
Aus einigen Erklärungen in diesem Buch wird klar, daß die SprecherInnen, die heute zu uns reden, nicht mehr die städtischen Intellektuellen sind, die vor Jahren in die Berge gegangen sind. Jene Intellektuellen hatten eine Menge Gepäck an linken theoretischen und politischen Vorstellungen dabei, das sich als völlig untauglich für die Kommunikation mit der Bevölkerung dort erwiesen hat.
In der Konfrontation dieser Vorstellungen (die sie heute als 'undemokratisch und autoritär' bezeichnen) mit den Traditionen der kollektiven Entscheidungsfindung in indegenen Gemeinden veränderten sich die Intellektuellen verändert (die Gemeinden zweifellos ebenso). Aus den vorliegenden Dokumenten bekommen wir nur Ahnungen von diesem Übergang, aber es scheint, als sei er bemerkenswert gewesen - eine Transformation, in der die autoritären Verhältnisse in der Zapatistischen Armee den demokratischen Vorgängen der Gemeinden untergeordnet wurden. Durch diese Entwicklung haben die Eindringlinge wohl gelernt, die Dinge mit neuen Augen zu sehen und Politik auf neue Art zu machen.
Auf diesem Weg haben sie sich offensichtlich eine einfache, volkstümliche Redeweise angeeignet. Ihre Erklärungen und Interviews sind erfrischender zu lesen als die üblichen jargonbehafteten Schmähschriften der alten linken Guerillagruppen. Möglicherweise hat gerade diese Qualität die Beweggründe, Hoffnungen und Sehnsüchte der EZLN und der Chiapanecos der größeren Mexikanischen Gemeinde und darüber hinaus so verständlich gemacht. Die Anstrengungen des mexikanischen Staates, die EZLN als eine Gruppe außenstehender Agitatoren, 'professionelle Gewalttäter' zu zeichnen, zerbrachen schnell, weil es offensichtlich war: Ihre Stimmen waren neu und ihre Sprache war nicht die der Ideologie, sondern der unerfüllten Wünsche, dringenden Bedürfnisse und engagierten Entschlossenheit.
Ihre Worte, so haben es uns die Sprecher ausdrücklich gesagt, kommen vom Kollektiv, nicht einfach nur von Einzelnen. Das ist, wie sie sagen, einer der Gründe, warum sie Gesichtsmasken tragen - so können wir ihre Stimme trennen vom Gesicht, der individuellen Persönlichkeit. Der Wunsch, jeglichen caudillismo (daß einer vereinzelt oder sie selbst zum 'Führer' der Revolution werden) zu vermeiden ist sehr deutlich. Diese Absicht ist natürlich wesentlich symbolischer Natur, da die Persönlichkeiten der SprecherInnen, wie im bekanntesten Fall des Subcommandante Marcos, unvermeidlich durchscheinen.
So geformt durch einen politischen Prozeß des Dialogs und des Kampfes artikulieren die Stimmen in diesem Text zwei grundlegende Botschaften. Erstens erklären sie, warum sie die gegenwärtigen Institutionen und Entwicklungsprojekte der mexikanischen Unternehmer und der Regierung ablehnen. Zweitens erklären sie ihre eigene politische Synthese und ihren eigenen politischen Vorschlag zur Zukunft Mexikos.